Annapurna I

Die Annapurna gilt als die Wiege der 8000er-Erstbesteigungen. Die Erreichung des Gipfels durch Franzosen galt als Startschuss zur Eroberung fast aller 8000er in den 1950er-Jahren.  

 „Was vielleicht keinen Sinn hat,
hat mitunter doch eine Bedeutung.
Das ist die einzige Rechtfertigung
eines an sich grundlosen Beginnens.“
Maurice Herzog, 1950
Erstbesteiger der Annapurna

Die Inhaltsangabe zum Buch
 
 
Einleitung - Der Berg
Kapitel 1:
Nepal – Über Mythen und Sagen bis zum Jahr 1950
Kapitel 2: Erste Schritte
Kapitel 3: Idee und Vorbereitung
Kapitel 4: Das unentdeckte Land
Kapitel 5: Durchbruch
Kapitel 6: Sternstunde
Kapitel 7: Abstieg ins Desaster
Kapitel 8: Rückzug im Monsun
Kapitel 9: Nachbetrachtung
Kapitel 10: Nepal – Der schwierige Weg nach dem Jahr 1950
Kapitel 11: 15 Jahre später
Kapitel 12: Nepal – ab dem Jahr 1965 bis in die Gegenwart
Kapitel 13: Facts & Figures

Leseprobe 1: 'Ausschnitt aus der Geschichte Nepals Mitte des 19. Jahrhunderts‘

...Mit Bhimsen Thapa war die längst andauernde stabile Periode während der Shah-Regentschaft zu Ende gegangen. Sie hielt ganze 31 Jahre lang. Er hatte das Land durch Kriegszeiten und die schwierige Zeit nach dem Krieg geführt. Innerhalb von drei Jahren sollten auf ihn sechs weitere Premierminister folgen. Eine kurze Zeitspanne, in der sich einflussreiche Adelsfamilien und Mitglieder der Königsfamilie, die immer wieder geschwächt wurde, in ihrer politischen Machtgier zerfleischten und laufend umbrachten. Immer wieder wurde um die Regentschaft im Staat gebuhlt, Intrigen und politische Morde gehörten zur Tagesordnung der Hofagenda. Es darf daher nicht als Wunder betrachtet werden, dass während der Zeit von 1768 bis 1846 kein einziger Premierminister eines natürlichen Todes starb. Die Macht eines Premiers war so lange absolut, bis er getötet wurde. Während im Königshaus dahingemetzelt wurde, gab König Rajendra bekannt, in Zukunft die Regierungsgeschäfte nur noch mit Zustimmung seiner jungen Königin Rajya Lakshmi Devi zu betreiben. Damit gab er dem Druck der Adelshäuser nach, seinen Sohn Surendra, der sich am Hof immer sehr eigenartig benahm, nicht mehr zu berücksichtigen. Doch auch dieser Schachzug half nicht, die labile politische Lage im Land zu beruhigen. Ergo überredete König Jarendra den sich im indischen Exil befindlichen Mathbur Singh Thapa, nach Nepal zurückzukehren. 1843 wurde eben dieser neuer Premier. Neuer britischer Resident im selben Jahr wurde anstelle von Hodgson Sir Henry Montgomery Lawrence, der wiederum das freundschaftliche Verhältnis zwischen Nepal und Indien besser pflegen sollte als sein Vorgänger es tat. 1845 ernannte der König Mathbur Singh Thapa zum Premierminister auf Lebenszeit. Doch dieser fühlte sich zum Sohn des Königs, Kronprinz Surendra, dem alle Macht entzogen worden war, hingezogen. Wieder einmal roch es im Königspalast nach Vergeltung, und die ließ nicht lange auf sich warten. Rajendra und seine jüngere Frau taten sich zusammen und ließen ihren Premierminister bei erster Gelegenheit erschießen. Der tödliche Schuss wurde von Mathbur Singh Thapas Neffen Jung Bahadur Kunwar abgegeben, der eigentlich gar keinen Argwohn gegenüber seinem Onkel verspürte, aber durch das Königshaus gezwungen wurde, weil er selbst mit dem Tod bedroht wurde, sollte er die Tat nicht ausführen. Das Intrigenwerk am Hof nahm weiter seinen Lauf. Die Frau des Königs hatte einen Liebhaber, der ein erfolgreicher General war und etliche Regimente in der Armee anführte. Doch die Affäre mit der Königsfrau tat dem guten General nicht gut. Denn als er eines Abends im September 1846 sein Abendgebet abhielt, wurde er hinterhältig ermordet. Und diese Ermordung hatte schwerwiegende Folgen. Denn als die Königin Rajya Lakshmi Devi davon erfuhr, dass ihr Geliebter nicht mehr unter den Lebenden weilte, schwor sie Rache an den Schuldigen. Sie ließ die gesamte politische Elite des Landes im Königspalast, im sogenannten ‚Kot‘-Flügel antreten. Es soll zu heftigen Wortgefechten und Streitigkeiten gekommen sein. Im Laufe der Diskussion kam es zu Beschuldigungen, die in einem Gemetzel mit Schwertern und Messern endeten. Der ebenfalls anwesende Jung Bahadur Kunwar, der unter Zwang seinen Onkel Mathbur Singh Thapa ermorden musste, ergriff die Initiative und nutzte die Situation zu seinem Nutzen aus. Er schlachtete insbesondere die Mitglieder der Familie Pande und Thape nieder und ergriff die Macht. Als sich keiner mehr regte, war der Königshof verwüstet und blutüberströmt. Das Massaker erhielt den Namen ‚Kot-Massaker‘ und ging als größtes in die Geschichte Nepals ein. Es gab mehr als 130 Tote, und man erzählte, dass noch am nächsten Morgen das Blut der Getöteten auf die Straße geflossen sei. Mit dieser Tat hatte Jung Bahadur Kungwar die jahrelange Zeit der Labilität im Königshaus brutal beendet. Die Shahs wurden entmachtet, König Rajendra entschwand ins Exil nach Indien. Und Jung Bahadur Kungwar ernannte sich selbst zum Premierminister. Die Königin spann im Hintergrund aber immer noch ihre intriganten Fäden. Jung Bahadur hatte ihren Wunsch, ihren Sohn zum Thronerben zu machen, abgelehnt, daher sollte er sterben. Mit der ihr gutgesinnten Adelsfamilie der Basnyat verbündete sie sich und schlug im Oktober 1846 zu. Jung Bahadur hatte aber in der Zwischenzeit seine Spione gut platziert und erfuhr von den Plänen. Noch bevor die Mitstreiter der Königin zuschlagen konnten, setzte Jung Bahadur zu einem weiteren Massaker an und tötete über zwanzig seiner Widersacher. Die Folge war, dass Königin und König sowie viele Mitglieder der Pandes, Thapas und Basnyats nach Benares in Indien flüchteten. Was sie dort wohl taten? Sie schmiedeten erneut Entmachtungspläne gegen Jung Bahadur ...

Leseprobe 2: 'Ausschnitt aus ‚Abstieg ins Desaster‘

...Es stand also eine Nacht in circa 7000 m Höhe im Freien bevor. Unmöglich. Man würde die Nacht nicht überleben. Der unverwüstliche Terray begann, eine Schneehöhle zu graben. Lachenal stieg in eine mit Schnee gefüllte Gletscherpalte und verschwand mit einem Aufschrei in der Tiefe. Nur ein kleines Loch wies darauf hin, wo er eingebrochen war. Es schien, als hätte der Berg ihn verschluckt. Terray sah nach, und siehe da, Lachenal stand 10 m unter ihm und gebot allen, zu ihm abzurutschen. Eine Schutzhöhle für die anbrechende Nacht war gefunden. Nachdem alle zu Lachenal abgerutscht waren, wurde klar, wie eng die kleine Höhle tatsächlich war. Von der Decke hingen lange Stalaktiten, die zuerst beseitigt werden mussten, um halbwegs aufrecht sitzen zu können. Die Situation war mehr als prekär. Der enge Raum glich einer Grabkammer. Man stellte sich die Frage, ob man diesen Ort auch wieder lebend würde verlassen können. Alle litten an Erfrierungen an den Füßen. Um diese nicht noch zu intensivieren, zogen alle ihre engen Bergschuhe aus und begannen mit Selbstmassagen. Lediglich Herzog war dazu nicht in der Lage. Seine Finger waren bis zu den Handwurzeln gefühllos und seine Füße bis hinauf zu den Knöcheln. Immer noch war er berauscht vom Gipfelerfolg und schwankte zwischen Wachzustand und Bewusstlosigkeit. Immer wieder hatte er Wahnvorstellungen vor dem Tode. Terray nahm sich seiner und Lachenal an. Lachenal und Terray hatten sich einen Schlafsack geteilt. Rebuffat arbeitete selbst an seinen Erfrierungen herum. Mit Massagen an den angefrorenen Körperteilen verging zäh und langsam die Nacht. Die Müdigkeit, die in der Höhe stark auf die Bergsteiger einwirkte, war immens. Die Enge in der Höhle war kaum zumutbar. Liegen war unmöglich. Man hatte sich gegeneinander hingekauert, um die wenig abstrahlende Körperwärme zu erhalten. Jeder war in seine eigene Welt gekehrt. Das Schweigen wurde immer lauter. In den Morgenstunden des 5.6. wurde das Quartett auf ein zischendes Geräusch, welches seinen Ausgang vom Spalteneingang nahm, aufmerksam. Die Morgendämmerung, die ein fahles Licht in der Höhle erzeugt hatte, wurde plötzlich wieder zur Nacht. Es wurde schwarz. Die Spalte begann sich mit Schnee zu füllen, der die Rutsche, an welcher man in die Höhle hinunterglitt, unaufhaltsam herunterrieselte. Eine Lawine! Mehr und mehr füllte sich die Höhle mit Schnee. Wie dichter Staubzucker nahm der Schnee den Höhleninsassen die Luft. Drang überall ein. In ihre Kleidung, ihre Augen und ihre Ohren. Im eisigen Sarg der Gletscherspalte begann sich Fassungslosigkeit und Angst breit zu machen. Alle warteten gespannt. Dann, wie auf Befehl, endete das zischende Geräusch des hereinrieselnden Schnees. Aber der Schaden war angerichtet. Die Höhle war über und über mit Schnee gefüllt. Die vier Franzosen waren sitzend bis zur Brusthöhe mit der weißen Pracht überhäuft. Alle waren barfuß! Wo waren die Schuhe? Eine fieberhafte Suche in der eiskalten Höhle begann. Terray war der erste, der die Schuhe ertastete. Aber der Horror hatte kein Ende. Terray verkündete, obwohl bereits leichtes Tageslicht von oben in die Spalte drang, nicht mehr sehen zu können. Und es dauerte nur Sekunden, als Rebuffat das gleiche Schicksal verlautete. Beide waren am Vortag um Herzog und Lachenal führen zu können, ohne Schutzbrille unterwegs gewesen. Nun hatte sie die Schneeblindheit ereilt. Ohne sehen zu können, wühlte sich Terray, ‚the strong man‘, mit letzter Kraft die zehn Meter aus der Gletscherspalte empor. Rebuffat, der zwischenzeitlich seine Schuhe gefunden hatte, konnte ihm folgen. Lachenal verlor die Nerven. Nur in Socken, die Füße waren trotz Terrays nächtlicher Massagen immer noch angefroren, trat er die Flucht aus der Höhle an. Oben angekommen schrie er wie ein Verrückter, als er wahrgenommen hatte, dass das Wetter gut war. Herzog hatte den Lauf der Dinge in einer Art Dämmerzustand wahrgenommen. Die dramatischen Ereignisse sorgten dafür, dass sein Verstand wieder halbwegs normal zu denken begann. Rasend grub er in der Höhle auf der Suche nach den noch ausstehenden zwei Paar Schuhen den Schnee um. Sein angeschlagener Geist sagte ihm, dass sie nicht verschwunden sein konnten, sondern noch irgendwo im engen Raum vergraben sein mussten. Er fand sie. In Wirklichkeit dachte er, dass das Ende gekommen sei und alle verloren waren. Aber Terray hatte von oben ein Seil heruntergelassen, an welchem er die Schuhe, die Herzog am Seil festgebunden hatte, hochzog. Danach ließ er das Seil wieder zum Gletscherboden ab. Herzog war der letzte in der Spalte gewesen. Es lag an ihm selbst, sich zu retten. Lediglich mit einem Seil war er noch mit der Außenwelt verbunden. Sein von der Höhe abgestumpftes Denkvermögen befahl ihm, sich das Seil umzubinden und anzusteigen. Aber wie sollte er die erfrorenen Hände und Füße als Aufstiegshilfe nutzen? Seine Gelenke waren ebenfalls steif gefroren. Die Automatik seines Bergsteigergens ließ ihn am Seil ziehen. Für Terray, der oben wartete, ein Zeichen, auch am Seil zu ziehen. Mit seinen hölzernen Gliedmaßen, die sich immer wieder an den Gletscherwänden abstützten, schaffte es Herzog, den am Seil ziehenden Terray zu unterstützen. Schließlich hatte der erblindete Terray den halbtoten Herzog aus der Spalte gezogen. Stehen konnte dieser nicht mehr, er bewegte sich auf allen Vieren. Als er Terray sah, bat er ihn, ihn liegen zu lassen, weil er keine Kraft mehr hätte. Doch Terray tröstete ihn, solange bis Herzog wieder halbwegs obenauf war. Einige Meter von der Gletscherspalte entfernt spielten sich indes skurrile Ereignisse ab. Der vollkommen außer Rand und Band geratene Lachenal tanzte immer noch nur in Socken durch den Schnee und freute sich lautstark über den blauen Himmel und bestes Wetter…

Leseprobe 3: 'Ausschnitt aus ‚Anstieg zum Gipfel der Gangapurna – die Deutschen 1965‘

Die Bergkameraden hatten noch einiges vor. Trotzdem mussten sie nach halbem Weg der Höhe Tribut zollen und wollten auch wegen der lauernden Lawinengefahr kein Risiko eingehen. Sie deponierten die mitgeschleppten Lasten und gingen nach Lager 3 zurück. Am 24.4. griff man wieder, unterstützt von zwei Sherpas, an. Über den Umkehrpunkt des Vortages stieg man hinaus bis zu einem riesigen Eiswall, den man unterhalb einige hundert Meter lang querte. Dort stand man unter einer Eiswand, die vom Sattel zwischen Gangapurna und Annapurna II herunterschoss. Aus dieser Eisflanke rankte ein Eiswulst empor. Darunter ein waghalsiger, aber der einzige Platz, um ein Lager aufzuschlagen. Lager 4 war geboren. Ein Bollwerk gegen Lawinen und in einer Höhe von 6200 m. Noch am selben Tag stieg man wieder nach Lager 3 ab. Am nächsten Tag, als man wieder nach oben wollte, zerrte Sturm an den Zelten der Crew. An einen Aufbruch war nicht zu denken. Auch in der kommenden Nacht Sturm mit Orkanstärke. Trotzdem gingen zwei Sahibs und zwei Sherpas los nach Lager 4, um Lasten zu deponieren. Sie kehrten abermals nach Lager 3 zurück. Der Sturm ließ nicht locker. Es orgelte auch in der nächsten Nacht. Der Sturm fegte den trockenen Schnee durchs Lager, drang als Schneestaub durch das Befestigungsmaterial in die Zelte ein und drohte, die Insassen zu ersticken. In den engen Zelten kämpfte man mit der Platzangst und rang um Atem. Furchtsam horchte man auf das Wüten des Sturms und das ununterbrochene Prasseln des Schnees auf die Zeltwände. In der Nacht schaufelte und schaufelte man unter lebensbedrohlichen Umständen, damit das Zeltdach halbwegs schneefrei blieb, weil sich das leichte Gewebe unter der Schneelast durchbog. Längst hatten sich rund um das Lager größere Schneehügel gebildet. Trotzdem sahen am nächsten Morgen lediglich die Firstspitzen der Zelte aus dem angewehten Schnee. Am 27.4. erreichte man dann endlich Lager 4. Es konnte mit Wünsche und einem Sherpa besetzt werden. Am 28.4. waren einige Sahibs von Lager 3 nachgekommen. Gemeinsam versuchte man, einen Weg oberhalb Lager 4 auszumachen, scheiterte aber an der morschen Eiswand. Acht Mann waren nun rund um Lager 4 aktiv. Zwei Mann versuchten einen Alternativweg durch eine fast 400 m lange Felsrinne, kehrten aber wegen Steinschlaggefahr wieder um. Währenddessen beackerten die anderen den ursprünglich eingeschlagenen Weg. Ziel war jetzt der Sattel zwischen Gangapurna und Annapurna III. Abends trafen sich die beiden Gruppen wieder in Lager 4. Noch war kein Durchbruch gelungen, aber er war nicht mehr fern. Am 29.4. morgens hatte es in den Zelten minus 18 Grad. Es ging wieder aufwärts. Aber nicht lange. Die Gangapurna wehrte sich und hüllte die Flanke mit Schlechtwetter ein. Das Team musste wieder zurück nach Lager 4.  Am 30.4. kam man zwar eine Seillänge über den Umkehrpunkt des Vortages hinaus, aber dann zwang heulender Schneesturm wieder zum Rückzug. Schwere Schneeflocken klatschten den Männern ins Gesicht und drangen in Nase und Mund ein. Unter diesen Umständen konnte man nicht weiter aufwärts gelangen. Dasselbe Bild die nächsten Tage. Etwas über den Umkehrpunkt des Vortages und dann wieder Rückzug wegen schlechten Wetters. Die Mannschaft war nach dem erneuten Rückschlag demoralisiert. Dazu kam, dass Lager 4 mehr und mehr unter den Schneemassen verschwand. Die Situation war kritisch. Der Gipfel in fast unerreichbare Ferne gerückt. Die Bergsteiger hatten sich ob des schwierigen Aufstiegs stark verausgabt. Viele fühlten sich nicht mehr gut in Form. Auch deswegen, weil viele trotz Tabletten seit Nächten nichts mehr geschlafen hatten. Viele hatten aufgrund von Appetitlosigkeit lange nicht mehr ausreichend gegessen. Dazu kam, dass der ein oder andere an Halsschmerzen, würgendem Reizhusten und allgemeiner Verschleimung des Rachenbereiches litt. Aber die Mannschaft bewies sehr gute Teameigenschaften und steckte nochmals die Köpfe zusammen. Für den kommenden Tag hatte man zwei Gruppen gebildet. Sieben und sechs Mann. Die Sherpas inklusive. In der Nacht vom 3.5. auf 4.5. hatte es viel geschneit. Zuviel? In den Hängen lag sehr viel Neuschnee. Ein Aufstieg war zu riskant. Ein neues Problem stellte sich ein. Die Gaskartuschen neigten sich dem Ende, was bedeutete, dass kein Wasser mehr geschmolzen werden konnte und eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr, in dieser Höhe unumgänglich, nicht mehr möglich war. Die hohe Atemfrequenz beim gleichzeitigen Einatmen trockener Höhenluft sorgt für ein rasches Austrocknen des Körpers. Der Expeditionsleiter traf eine Entscheidung und schickte den Sherpa Kippa in tiefere Lager, um notwendige Gaskartuschen nach Lager 4 zu holen. Am Nachmittag fiel die weiße Pracht in Form von weiteren 20 cm Schneehöhe vom Himmel. Ein neuer Versuch war für den 5.5. geplant.
Am Morgen hatte es satte minus 30 Grad. Um 07.00 Uhr machten sich sechs Mann auf den Weg. Der Himmel war klar. Es dauerte nicht lange und bei einigen stellten sich Erfrierungen an den Füßen ein. Trotzdem ging es nach oben. Und der neunte Tag in der Eiswand mit 55 Grad Neigung sollte den Durchbruch bringen. Der letzte Umkehrpunkt auf dem Weg zum Sattel wurde passiert und nach zwei weiteren Seillängen war man nach über sieben Stunden Anstieg endlich angelangt. Der Sattel war sturmumtost und die Höhe betrug 6850 m. Sie ließ keine schnellen Bewegungen mehr zu. In Zeitlupe wurden zwei Zelte aufgestellt. Eines für die Mannschaft und ein zweites für die Ausrüstung. Die kommende Nacht verbrachte man dicht gedrängt, mehr übereinander als nebeneinander. Während man in Lager 5 nächtens auf den Gipfeltag wartete, war die verbliebene Mannschaft aus Lager 4 nach Lager 3 abgestiegen und wartete auf den Nachschub an Gaskartuschen. Ohne diese war der Weg für eine zweite Gruppe zum Gipfel versperrt. Und das Warten lohnte sich, denn der Sherpa Kippa kam gegen Mitternacht tatsächlich an. Innerhalb eines Tages war er hinabgeklettert und auch für den Wiederanstieg benötigte er lediglich einen Tag. Eine Meisterleistung, und in Lager 3 durfte man wieder hoffen. Man wollte sofort am nächsten Morgen wieder nach oben. Am besten gleich Lager 4 passierend nach Lager 5. In Lager 5 begann der 6.5. wieder mit minus 30 Grad…

 „Was mich für immer geprägt hat,
war das innere Abenteuer, das ich erlebte;
die Empfindung, dass ich sterben würde,
und dann das wieder geschenkte Leben.“
Maurice Herzog

 
Alle Ereignisse rund um die Erstbesteigung eines 8000ers, die Entwicklung des Staates Nepal und die ersten Versuche der Deutschen an der Annapurna findest Du umfangreich in diesem Buch.