Showdown im Himalaya


In den 1980er-Jahren entbrennt ein dramatischer Wettlauf in den Höhen des Himalaya: Wer wird als Erster alle vierzehn Achttausender bezwingen?  Reinhold Messner, der Pionier des alpinen Stils im Himalaya, Jerzy Kukuczka, der unerschütterliche Pole, sowie die beiden Schweizer, der Bergführer Erhard Loretan und Marcel Rüedi, schreiben Alpingeschichte – mit Mut, Rivalität und tödlichem Risiko. Dieses Buch erzählt von Bergkameradschaft und Rivalität, von den Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit und von den Triumphen und Tragödien der Protagonisten.  Ein fesselnder Bericht über den größten Wettlauf der Alpingeschichte und die Faszination, die das Dach der Welt bis heute ausübt. 

 

 „Mit Achttausendern verhält es sich wie mit Erdnüssen.
Hat man erst einmal damit angefangen, kann man nicht mehr aufhören.'"
Quelle: Erhard Loretan: Aus seinem Buch „Den Bergen verfallen“ 


Die Inhaltsangabe zum Buch
 
 01 Große Taten im Schatten von Tragödien

02 Die Polen und ein Kukuczka

03 Sternstunden des Alpinismus und eine Rettungsaktion

04 Ein kletternder Metzgermeister

05 Bergsteigen im Winter und ein Solo auf das Dach der Welt

06 Ein Schweizer namens Loretan

07 Das erste Makalu-Solo, Drei in einem Jahr und zwei „illegale“ Polen

08 Messners Startschuss und die Gasherbrums im Visier

09 Alpinistische Glanzstücke im Rückspiegel eines Südtirolers

10 Polnische Aufholjagd im Winter

11 Schlag auf Schlag – 8000er um 8000er & „NIGHT NAKED“

12 Endspurt als Basis waghalsiger Höhepunkte

13 Das Finale im Beisein des Todes

14 Der letzte Trip auf Gottes Erden – Tod eines Idols

15 Der dritte Mann

16 Ein Nachruf

Nachwort

 

Leseprobe 1: Ausschnitt aus ‚Die Polen und ein Kukuczka‘ 

 

Lange Zeit sah es danach aus, als wäre Reinhold Messner der einzige Höhenbergsteiger, der in der Lage war, die Grenze des Machbaren im Himalaya zu verschieben. Doch recht unauffällig, fast schon klammheimlich und von der Öffentlichkeit kaum beachtet und übersehen, hatte sich im Osten Europas, hinter dem Eisernen Vorhang in Polen, ein ganzes Heer von Bergsteigern entwickelt. Auch sie hatten es in der Zwischenzeit gelernt, auf die höchsten Gipfel der Erde zu gelangen. Sie waren diejenigen, die das Extrembergsteigen im Himalaya vor allem am Ende der 1970er und 1980er Jahre eindrucksvoll prägen sollten und neben Reinhold Messner die Akzente setzen würden. Sie begannen im Himalaya, einen Gipfel nach dem anderen auf spektakuläre Weise zu erobern. 
Doch ihre Karrieren hatten klein, sehr klein, begonnen. Ihre Charaktere wurden geformt von der Verwüstung, in die sie während und nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs hineingeboren wurden. Vom Krieg gebeutelt, das Land von der Sowjetunion besetzt, wurden sie bereits in ihrer Kindheit vom Nachkriegsterror auf Widerstandskraft und Härte gedrillt. Die Geschichte ihres Landes hatte sie geformt und ihren Geist gestählt. 
Geholt hatten sie sich ihr Können zu Hause in Polen. Im kleinsten, aber ebenso forderndsten Hochgebirge der Erde, in der Hohen Tatra. Eine Landschaft in einem vom Krieg zerstörten Land, welches der Mensch noch unversehrt gelassen hatte. Dort wurden sie unter Gleichgesinnten zu den besten Bergsteigern der Welt. Ihre Anzahl war unglaublich. Dort entdeckten sie das, was ihnen lange Zeit verborgen gewesen war. Freiheit! Die Berge wurden zu einer Oase des Friedens. Sie hatten eine Stätte gefunden, in der sie ihren Ehrgeiz und ihre Stärke aufblühen lassen konnten. Eine Welt aus Natur und Fels. Weit weg von den grauen und verrußten Städten. In den Bergen erlebten sie Zwanglosigkeit und in den Städten, wo man machtlos war, gegen das System anzukämpfen, probte man den passiven Widerstand. Die Masse arbeitete langsam und ineffizient und sparte ihre Energie für Schwarzarbeit auf. Man konzentrierte sich lediglich auf das eigene Überleben. 
Aber um zu den ganz hohen Bergen zu gelangen, mussten sie erstmal ihre kommunistische Politdiktatur davon überzeugen, dass man mit der Besteigung von Bergen jenseits der 8000 m-Marke dem Land Polen Ruhm und Anerkennung auf der ganzen Welt zukommen lassen konnte. Der Preis für ihre später genehmigten Reisen ins Ausland war aber sehr hoch, weil ihnen so manch kommunistischer Zwang auferlegt wurde, um die sozialistische Sportbewegung zu festigen. Unter anderem verlangte das Regime, westliche Bergsteiger auszuspionieren. Mit dieser Vorgehensweise wollte man auf naive Art und Weise den „Westen“ infiltrieren und mit den Bergsteigern schnelle Vereinbarungen treffen. Denn diese hatten viel zu gewinnen: die Freiheit des Reisens. Aber auch viel zu verlieren: Man konnte sie in Polen festnageln. Im Endeffekt brachte dieses Ausspionieren dem Regime aber nicht viel ein. Den polnischen Bergsteigern ging es in erster Linie nur darum, ihre Lebensphilosophie in den Bergen, wo sie jene Freiheit vorfinden konnten, welche ihnen zu Hause unmöglich war zu erlangen, auszuleben. Also täuschten sie Linientreue vor und sicherten sich damit ihren Traum. 
Doch zur Realisierung ihrer Träume benötigten die polnischen Bergsteiger finanzielle Mittel, die der Staat aber nur zu einem kleinen Teil zur Verfügung stellte. Es blieb ihnen also nichts anderes übrig, als selbst Geld beizusteuern. Ein fast unmögliches Unterfangen, da der monatliche Verdienst eines polnischen Arbeiters in den 1970er-Jahren gerade einmal bei einem zweistelligen Dollarbetrag lag. Eine Wohnung mit Heizung und Toilette war kaum zu bekommen, obwohl laufend neu gebaut wurde. Parteigrößen und Industriebosse hingegen schwelgten in Luxus. Es waren bei der Anschaffung von Geld Geschäftstüchtigkeit und vor allem Kreativität gefragt. Und diese waren genauso unnachahmlich wie ihr Können in den Eis- und Felswänden. Aus der Not heraus entsprangen ihren Köpfen die tollsten, fast schon unglaubwürdigsten Ideen… 

 

Leseprobe 2: Ausschnitt aus ‚Das erste Makalu-Solo‘ 

 

Die Wartezeit weckte in Kukuczka die Emotion, den Berg doch noch versuchen zu wollen. Ergo bearbeitete er Kurtyka Tag und Nacht. Doch der blieb bei seiner ursprünglichen Entscheidung. Er hatte leichte Erfrierungen an den Füßen und musste mit den Anstrengungen von zwei kurz aufeinanderfolgenden Expeditionen kämpfen. Außerdem war das Wetter schlecht. Messner hatte den Nanga Parbat 1978 bereits solo bestiegen. Warum sollte also Kukuczka dieses Kunststück am Makalu nicht auch gelingen? Messner und Doug Scott waren übrigens auch am Berg, um den gesamten Gebirgsstock zu überschreiten. Auch eine österreichische Expedition versuchte ihr Glück. Beide gaben aber wegen des miesen Wetters auf. Kukuczka nicht. 
Die Kühnheit seines Vorgehens war extrem. Was musste den Mann getrieben haben, den Makalu ohne Sauerstoffmaske besteigen zu wollen? Seine Vorgeschichte an den hohen Bergen war ja nicht gerade problemlos verlaufen. Seine Leistungsfähigkeit in großer Höhe war sowohl in Alaska als auch im Hindukusch nicht gerade berauschend gewesen. Am Gipfel des Nanga Parbat war er nicht angekommen, hatte am Lhotse Probleme gehabt und auch am Everest zusätzlichen Sauerstoff eingeatmet, ehe er ohne Flasche gerade noch mit einem blauen Auge davongekommen war. Und jetzt wollte er einen großen 8000er ohne Sauerstoffrüssel auf einer ihm vollkommen unbekannten Route empor. 
Kurtyka konnte Kukuczka nicht umstimmen und wollte ihn aber auch nicht abhalten. Er war zuletzt viel mit Engländern im Himalaya gewesen und hatte ordentlich von ausgezeichneter Ausrüstung profitiert. Diese überließ er nun Kukuczka, obwohl er dessen Vorhaben ein Himmelfahrtskommando nannte. Am 12.10. gegen 12.00 Uhr preschte Kukuczka mit 23 Kilo im Rucksack los. Nachdem er in die Wand eingestiegen war, fand er endlos lange keinen Platz für ein Biwak, stieg dabei aber immer höher und mitten in die Nacht hinein. Erst gegen Mitternacht fand er einen. Aber nicht irgendeinen, sondern jenen von Lager 3 der Standardroute, welche seine neue Route kreuzte. Er stand auf 7000 m und hatte an diesem einen Tag nicht weniger als 1600 m hinter sich gelassen. Der Wind ließ nicht zu, dass er sein eigenes Zelt aufstellen konnte. Also spielte der Zufall mit und er fand das Zelt einer früheren Expedition. Dort schlüpfte er hinein und schlief. Solange, bis er am Morgen von einem Sturm geweckt wurde, der den Pulverschnee in Wolken über den Grat schob. Kukuczka begann zu zweifeln. Gerade als er aufgeben und wieder absteigen wollte, veränderte sich das Wolkenmeer am Himmel. Der Pole wartete. Und tatsächlich legte sich der Sturm. Es ging wieder aufwärts anstatt abwärts. Am frühen Abend erreichte er den Makalu La, einen Pass auf 7410 m Höhe. Dort hatte man während der Akklimatisierungstouren ein Lager errichtet. Die ideale Schlafgelegenheit. Am nächsten Tag stieg er weiter nach oben, Richtung dem noch unbestiegenen Südwestgrat. Er hatte keine Ahnung, was ihn dort erwarten würde, und ob der Grat überhaupt begehbar war. Noch einmal baute er sich auf einer Höhe von 8000 m ein Biwak, war aber nicht alleine. Zumindest dachte er das. Er war überzeugt, dass er für zwei Personen Tee gekocht hatte und mit diesen Personen auch sprach. Es war die Halluzination zweier Phantomkameraden als Folge der extremen Höhe. Eine Erscheinung, welche schon vielen Bergsteigern zuteilgeworden war… 

 

Leseprobe 3: Ausschnitt aus ‚Drei in einem Jahr und zwei ‚illegale‘ Polen' 

 

Als Rüedi angekommen war, war noch nicht viel passiert. Kein Wunder. Es hatte ununterbrochen geschneit und die Schneeverhältnisse waren verheerend. Die Bergsteiger mussten sich die Flanke hinaufwühlen und erreichten innerhalb einer dreiteiligen Lagerkette am 3.6. in etwa 7500 m – weiter ging es einfach nicht. Von dort startete Rüedi mit seiner Gruppe um Graf, Howard, Forrer und Franze den Rückzug. Als sie nacheinander in ihrem dritten Hochlager ankamen, wütete bereits ein Höhensturm und die leeren Zelte knatterten wie Maschinengewehre. Der Letzte in der Reihe war Forrer. Doch der kam nicht. Der Sturm verhinderte eine Suchaktion und alle flüchteten in ihre Zelte. Stunden später hatte sich der Orkan beruhigt und die Sicht wurde besser. Was sie sahen, ließ ihnen das Blut in den Adern gefrieren. Rund 700 m tiefer konnten sie auf einem Lawinenkegel Peter Forrer erkennen. Er lag dort und rührte sich nicht mehr. Eine Lawine hatte ihn über die steile Flanke in die Tiefe befördert. Die Bergung des Leichnams war unmöglich. Der Schock saß allen in den Gliedern. Rüedi hatte erstmals bei einer Expedition mit einem toten Expeditionskollegen zu tun. Forrers erste Himalaya-Expedition war auch seine letzte. Nachdem man das Basislager informiert hatte, wurde die Expedition abgebrochen. Beim Abstieg entging das übrig gebliebene Quartett einem weiteren Drama, als ein Schneebrett beinahe alle mitgerissen hätte. Es war pures Glück, denn das Schneebrett war vollkommen unerwartet stecken geblieben. Für alle vier galt es nun, auf dem schnellsten Weg die 3000 m bis ins Tal zu kommen. Erst als sie tatsächlich unten angekommen waren, löste sich etwas die Anspannung. Die Trauer um den verlorenen Kameraden war riesengroß. 
Der Mission war kein Erfolg beschieden. Kein Gipfel und ein Toter hatten sie zum totalen Misserfolg gemacht. Der tote Forrer wurde übrigens später im Jahr von Einheimischen gesichtet und geborgen. 
Niederlage und Tod waren für Marcel Rüedi aber kein Grund, klein beizugeben und dem Himalaya den Rücken zu kehren. Er sollte bereits ein Jahr später wieder zurückkehren. 
 
Leseprobe 4: Ausschnitt aus ‚Das Finale im Beisein des Todes‘ 
 
Die Aussichten für das verbleibende Duo am nächsten Morgen waren zweifelhaft. Steiner litt unter dem Einfluss der Höhe, während Loretan von seinem Everest-Trip bestens akklimatisiert war. Früh entschied man sich aufgrund der vorherrschenden Lage, wieder abzusteigen. Die ersten hundert Meter herrschte extreme Steilheit vor, bevor der Hang begann, sich sanft zurückzulehnen. Es dauerte nicht lange, und Steiner, der sich etwa einhundert Meter oberhalb von Loretan befand, schlitterte in bereits hoher Geschwindigkeit an Loretan vorbei. Als Gefangener einer teuflischen Rutschbahn verschwand er hinter Felsen im Abgrund und Loretan aus den Augen. Der geschockte Loretan stieg 800 m ab, ehe er auf den totgeglaubten Steiner traf. Steiner lag auf etwa 6500 m und war am ganzen Körper mit Brüchen übersät. Offene Brüche an Hüfte und Beinen. Aber Steiner lebte, zum Entsetzen Loretans. Vom Schock betäubt sprach er Loretan wirr an, erkannte ihn aber nicht. Eine lebensnotwendige Rettung hätte binnen Minuten erfolgen müssen, doch man war einige Marschtage von der Zivilisation entfernt. Loretan blieb nichts anderes übrig, als Steiner in einen Schlafsack und einen Biwaksack einzuhüllen. Wie sollte er den Schwerverletzten retten? Er stieg ins Advanced Base Camp ab und bat den dort wartenden Dupre, mit Nahrung und Gas zum Kochen zu Steiner aufzusteigen. Dann begab er sich ins Basislager, welches zehn Stunden entfernt lag. Dort beauftragte er den Koch, Hilfe mit Helikoptern und Sherpas aus Namche Bazar zu holen. 48 Stunden später war der Koch wieder zurück. Ohne Hilfe. Die Helikopter konnten aufgrund des Wetters nicht fliegen, und die Sherpas waren wegen der Trekking-Saison nicht verfügbar. Loretan und der Koch begaben sich zu Steiner und Dupre. Steiner war inzwischen bei vollem Bewusstsein und litt unter schwersten Schmerzen. Seine Beine waren bis zu den Knien erfroren. Er war dem Tod geweiht. Dupre war zwar nicht verletzt, aber die letzten Nächte alleine mit Steiner brachten ihn an seine physischen und psychischen Grenzen. Ohne Zelt, bei 35 Grad unter null, allein in der Wildnis mit einem Sterbenden, dem er versuchte, seine letzten Stunden so einfach wie möglich zu machen. Die Ohnmacht und Machtlosigkeit, nicht helfen zu können, waren fürchterlich. Für den 23-jährigen Dupre eine frühe und traumatische Lebenserfahrung. Wäre Loretan nicht angekommen, hätte er selbst nicht mehr lange durchgehalten. 
In der Nacht bereitete man Steiner für einen Transport vor. Loretan wusste, dass es sich um eine sinnlose Aktion handelte. Hilfe war erst nach einem Dreitagesmarsch zu erwarten. Dafür musste man topfit sein. Einen Schlitten hatte er natürlich nicht dabei, so begann er, den Schwerverletzten über den Gletscher zu ziehen. Steiners Schmerzensschreie hallten durch die Westflanke des Cho Oyu, solange, bis er starb. Sie würden ein Leben lang in Loretan, Dupre und dem nepalesischen Koch widerhallen… 

 

‚Natürlich sei es ein Wettrennen gewesen. Etwas anderes zu behaupten, wäre Unsinn. Er hätte es bei Messner deutlich gespürt. Als die anderen aufholten, ging es nur noch darum, die Liste der 8000er zu komplettieren. An den letzten Bergen hatten sie deswegen nur noch die Standardrouten gewählt, um möglichst große Erfolgsaussichten zu haben. Ausgefallene Routen zu wählen, spielte keine Rolle mehr.‘
Hans Kammerlander im ‚Sportclub History‘ des NDR 

 

 

Je länger der Wettkampf um alle 8000er im Himalaya andauerte, desto dramatischer und tragischer wurde er. Was als sportlicher Traum begann, wurde zu einem Kampf gegen die Zeit, die Natur und das eigene Ich. Ohne Sauerstoff, ohne Kompromisse und oft auch ohne Sicherheitsnetz. Diese spannende Geschichte, welche auf Tatsachen beruht, solltest Du nicht versäumen. Entscheide Dich für eine der interessantesten und publikumswirksamsten Erzählungen des Höhenbergsteigens.