Eigenverlag (Self Publishing)
Das Buch über die Besteigungsgeschichte des Nanga Parbat war mein erstes. Eigentlich habe ich lange Zeit gar nicht an eine Veröffentlichung gedacht. Das Ursprungsskriptum entstand während der Wintermonate aus einer Laune heraus und weil mich die Berge des Himalaya schon seit meiner Jugendzeit faszinierten. Insbesondere der Nanga Parbat und sein Erstbesteiger Hermann Buhl. Das hat wahrscheinlich seinen Grund. Mein erstes Bergsteigerbuch handelte vom Nanga Parbat. Wäre es vielleicht ein Buch über einen anderen 8000er gewesen, wer weiß …? Aber zurück zum Schreiben. Eine chronologische Besteigungsgeschichte des ‚Nanga‘ hatte es eigentlich noch nicht wirklich in solchem Ausmaß gegeben. Meine Frau hatte zwischenzeitlich immer wieder einen Blick in das Manuskript geworfen und war begeistert. „Ich sollte doch darüber ein Buch veröffentlichen“, meinte sie. Zuerst habe ich über ihren Vorschlag gelacht, doch dann nahm er konkrete Formen an. Als das Manuskript vorlag, machte ich mich auf die Suche nach Fotos und schrieb die berühmtesten Bergsteiger, die noch lebten, an, um mich mit Fotomaterial zu unterstützen. Das Echo war bemerkenswert. Viele von ihnen wollten mir unter die Arme greifen. Nun galt es, ein Verlagshaus zu finden. Das war die Krux. Von zwanzig Verlegern, welchen ich mein Manuskript zugesendet hatte, bekam ich entweder kein Feedback oder eine negative Antwort. Mein Thema wollte in kein Verlagsprogramm passen. Mein letzter Zufluchtsort war ein Verleger für ‚Neuautoren‘. Die gab und gibt es übrigens wie Sand am Meer. Gegen Einwurf von Münzen, und die Münzen waren eine ganze Menge, kann man mit breitester Unterstützung in allen Belangen einer Buchauflage rechnen. Das Service war auch tatsächlich ausgezeichnet. Binnen acht Monaten war mein Nanga Parbat-Buch im Handel verfügbar. Jede Phase während der Projektzeit, angefangen beim Schreiben bis zur Publikation, hat mir enormen Spaß gemacht. Aber die Kosten … Als ich mit meinem Verleger über ein zweites Buch sprach, wurde mir ein attraktives Angebot versprochen. Das mag vielleicht aus Sicht des Verlegers so gewesen sein, nicht aber aus dem Blickwinkel des Autors. Ich machte mich auf die Suche nach einem Verlag, der auf Alpinismus und Bergsport spezialisiert ist. Von dort erhielt ich allerdings die Auskunft, dass Bergmonographien aus der Mode seien. Obwohl mein Manuskript hervorragend sei, ließ sich kein Verlag auf eine Vermarktung ein. Ich war enttäuscht, orientierte mich aber an einem alten Leitspruch:
‚Wenn alle den Kopf schütteln wegen deiner Idee,
Go for it!
Die Flucht nach vorne endete im Eigenverlag, heute spricht man von ‚Self-Publishing‘. Das heißt, man arbeitet ohne Unterstützung eines Verlagshauses. Im Vergleich zu einer Verlagsbetreuung ist man an keinen fixen Zeitplan gebunden, man ist flexibel und hat die kreative Freiheit, über seinen Text zu entscheiden. Die Tantiemen sind etwas höher, als wenn man das Buch in die Hände eines Verlegers legt. Dafür liegt aber der gesamte Prozess der Bucherstellung, von der Idee und dem Schreiben bis hin zur Vermarktung, alleine in den Händen des Eigenverlegers. Dazu gehören unter anderem die Lektoratstätigkeiten wie Rechtschreibprüfung und Interpunktion, das Layout von Text und Bildern oder die Erstellung eines Buch-Covers. Lediglich der Druck bzw. die Produktion werden an einen Hersteller übergeben. Dank des Internets funktioniert das aber bereits alles online.
Ein Buch zu schreiben, ist eine aufwändige Angelegenheit. Insbesondere ein Sachbuch über Berge. Es gleicht einer Expedition. Wenn man mit seinem Core-Thema durch ist und auch noch einige Spin-offs des Alpinismus in sein Werk eingearbeitet hat, sind Monate vergangen und es wurde eine Unmenge an Zeit investiert. Das Produkt ist ein hunderte Seiten langes Manuskript. Nebenbei macht man sich auch auf die Suche nach Bildern. Der Kontakt mit Bergsteigern, um welche zu erhalten, nimmt eine Menge Zeit in Anspruch, und wenn man Glück hat, sitzt man am Ende vor einer Fülle von Bildern, aus welchen man auswählen darf. Dazu kommt, dass ich eine Vielzahl von Grafiken, Tabellen und Skizzen selbst entwerfe. Das gesamte Bildmaterial muss dann im Erzähltext, natürlich mit Bildbeschreibung, an den entsprechenden Stellen hinterlegt werden. Dazu muss eine Bilderdatenbank In Form einer Tabelle erstellt werden, da die Urheber der Bilder nachweislich im Buch vermerkt werden müssen. Wenn Text und Bilder vorliegen, macht man sich an die Prüfung der Rechtschreibung und Interpunktion. Dazu bediene ich mich einer Online-Software. Das Ausbessern der Fehler funktioniert nicht auf Knopfdruck, da die Sinnhaftigkeit der Textpassagen überprüft werden muss. Im Prinzip schreibt man das Buch ein zweites Mal, denn die Fehlerquote beim Runterschreiben eines Manuskriptes ist enorm – zumindest leiste ich mir diesen ‚Luxus‘. Liegt nun der vollständige Text vor, erfolgt die Prüfung des Layouts. Passen die Absätze, Seitenabstände, Fußnoten, Überschriften, das Inhaltsverzeichnis usw.?
Wenn man von seiner getanen Arbeit überzeugt ist, dann ist man, wenn du so willst, am Gipfel des Berges ‚Buch‘ angekommen. Den Aufstieg dorthin würde ich einmal als nicht unkompliziert beschreiben. Denn ich habe monatelang Textpassagen wie das Aufschlagen von Hochlagern hin- und hergeschoben. Oftmals hat mich eine Lawine von Gedanken gestoppt, und ich musste wieder zum Anfang der einen oder anderen Geschichte zurückkehren. Ich bin quasi wieder in ein tiefer liegendes Lager abgestiegen und konnte mir dann wieder eine neue Linie meines Aufstiegs zurechtlegen. Selbst als Ersteller der Textteile ist mir öfters der Atem ausgeblieben, wenn ich über packende Passagen recherchiert und geschrieben habe. Vor allem dann, wenn es um fatale Ereignisse ging. Als Schriftsteller und Rechercheur leidet man noch mehr als Leser, weil man sich noch mehr in die Materie vertieft und die Ereignisse noch intensiver miterlebt. So gelangte ich, vielleicht ähnlich wie ein Bergsteiger, Schritt für Schritt höher und musste ebenfalls oft pausieren, um mich mental zu sammeln. Ich war also am obersten Punkt angekommen.
Aber wie du es in meinen Büchern schon so oft gelesen hast. Erst der halbe Weg war gegangen. Man hat erst gewonnen, wenn man wieder zurückgekehrt ist. Mein Abstieg lautete: Veröffentlichung. Den ersten Weg des Abstiegs bestreitet man mit der Erstellung eines Buch-Covers. Dieses soll natürlich entsprechend publikumswirksam sein. Wenn man Glück hat, findet man ein spektakuläres und aussagekräftiges Foto. Das muss entsprechend grafisch aufbereitet werden, und das dauert, denn man muss sehr viel tüfteln, möchte man zu einem brauchbaren Ergebnis kommen. Aber nicht nur das Bild des Covers soll attraktiv sein. Natürlich auch die Schriftzüge, welche den Titel des Buches als Blickfang darstellen sollen. Selbstverständlich darf ein auf den Punkt gebrachter Text auf der Rückseite des Buchumschlages nicht fehlen, damit der potentielle Leser über wenige Zeilen in die Tiefe des Buches geführt werden kann. Liegt nun auch ein attraktives Buch-Cover vor, geht man an die Herstellung des Buches heran. Man bräuchte jetzt lediglich eine Textdatei (Buchtext) und eine Bilddatei (Buch-Cover) online beim Hersteller des Buches hochladen, und alles andere würde in den Händen des Buchdruckers liegen. Ich werde dir aber anhand des Beispiels meines Annapurna-Projektes zeigen, dass es leider nicht immer so einfach ist.
Als Text und Bilder über die Annapurna vorlagen, umfasste das Werk 850 Seiten. Unmöglich, so ein Wälzer war nicht zu publizieren. Es wurde komplex. Ich musste mich entscheiden, in welcher Form ich mein Buch nun veröffentlichen sollte. Kürzen? Nein! Meine Situation entsprach in etwa jener einer neuen Abstiegsroute vom Gipfel. Ich musste den geplanten Pfad verlassen. Die Aufstiegsroute, welche geplant war abzusteigen, musste einer neuen weichen. Ich hatte sogar überlegt, es überhaupt sein zu lassen. Ich wollte aber nicht wie ein vollkommen ausgelaugter Höhenalpinist im Schnee in Gipfelnähe liegenbleiben. Es musste einen Ausweg geben. Ich habe mir gedacht, der Aufwand war viel zu groß, außerdem hatte ich mit so vielen Leuten Kontakt, die mich unterstützt hatten. Die konnte ich nicht enttäuschen. Ich entschied mich für eine Trilogie. Drei Bände über die Annapurna. Abgesehen davon, dass es so etwa bis dato noch nicht gab. Als ich den ersten Band im März 2025 veröffentlicht hatte, war ich, um im Bergsteiger-Jargon zu bleiben, im ‚Basislager‘ angekommen. Der Band mit seiner Erstbesteigung und der Geschichte über Nepal war in sich so derart abgeschlossen, dass keiner damit rechnen konnte, dass noch etwas nachkommen würde. Nur ich wusste es. Aber ich hatte natürlich noch viel aufzuräumen. Ich musste aus dem vorhandenen Skriptum noch zwei Bände rauspellen, was wiederum einen gehörigen Aufwand bedeutete. Bezeichnen wir diese Phase als den nicht so einfachen Rückmarsch vom Basislager in die Zivilisation. Schlussendlich bin ich dort angekommen, wo ich hinwollte. Bei der Veröffentlichung von zwei weiteren Annapurna-Büchern. Ich habe sie so wie den ersten Band gestaltet, dass man sie auch unabhängig voneinander lesen kann. Das bedeutet, man muss nicht unbedingt Band 1 und 2 gelesen haben, um sich an Band 3 zu erfreuen. Es war wie bei einer richtigen Berg-Expedition. Nichts lief wie ursprünglich geplant, weil man außerordentliche und nicht erwartbare Ereignisse ganz einfach nicht einplanen kann.
Ich war also doch an meinem Ziel angekommen – drei Bücher und drei Cover hatten die Zivilisation erreicht, und jetzt musste man sie unter die Leserschaft bringen. Der Hersteller verifiziert alle Text -und Bilddaten gemäß seiner Normen und versendet ein Probeexemplar. Natürlich nur gegen Einwurf von Münzen. Auf dieses Exemplar wartet man in etwa eine Woche. Dann hält man das Ziel seiner Träume in der Hand. Erkennt man Fehler, dann beginnen die ‚Reparaturarbeiten‘. Erst dann trifft man eine finale Entscheidung und geht in die Publikation. Der gesamte Prozess der ‚Wertschöpfungskette Buch‘ klingt komplex, ist aber noch viel komplexer und aufwändiger als hier bereits beschrieben. Meine Bücher, welche ich im Rahmen des Self-Publishing veröffentlicht habe, gibt es im Handel mit dem Zusatz ‚POD – Print on Demand‘ zu kaufen. Das bedeutet, wann immer du dich für ein Buch entscheidest, es bestellst oder online kaufst, erst dann geht es in den Druck. Du merkst davon aber gar nichts. Es kommt zu keinerlei Verzögerungen bei der Lieferung. Du erhältsts es genauso schnell, als wenn ein Buch auf Lager wäre.
Wenn das Buch einmal fix und fertig ist, geht es an die Vermarktung. Als Instrumente nutze ich vorgegebene Vertriebswege des Herstellers (Buchdrucker) des Buches. Diese laufen automatisch. Zumindest ist das Buch dann auf den gängigsten Verkaufsplattformen verfügbar und steht auf der internationalen Liste zu erwerbender Bücher. Online bewerbe ich das Buch auf meinen Social-Media-Kanälen. Und meine Autoren-Website kennst du ja schon. Die Darstellung neuer Bücher auf dieser Website ist eine Wissenschaft für sich. Vorträge zu meinem Buch oder Lesungen halte ich, zumindest derzeit, nicht. Vielleicht später einmal. Denn ansonsten würde ich nicht mehr zum Schreiben kommen.
Meine Bücher gibt es auch als E-Books. Will man ein E-Book veröffentlichen, fängt die ganze Arbeit von vorne an. Nur der bestehende Text und die Bilder bleiben unangetastet. Das gesamte Layout muss für die Anforderungen an ein E-Book komplett neu gestaltet werden.
Jetzt verstehst du, wenn ich beim Schreiben eines Sachbuchs dieser Art von einer Expedition spreche. Man muss das notwendige Interesse, den Animo, die Zeit und den Spaß dafür aufbringen. Ich habe meinen Teil nach bestem Wissen und Gewissen erfüllt. Da ich ohne ein 4-Augen-Prinzip arbeite, bitte ich dich, mir Fehler im Nachhinein zu verzeihen. Sie sind den oft komplexen und intensiven Prozessen geschuldet.
Robert Ransauer
Vösendorf, Österreich, Mai 2025