Nanga Parbat
Die dramatische Geschichte eines Himalaya-Riesen, an dem das Bergsteigen auf Achttausendern begann.
‚Dieser Berg ist eine derart majestätische Erscheinung, dass man seinen Gipfel niemals betreten sollte. Ewig unbetreten sollte er der Herrscher von Kaschmir bleiben‘
Political Agent, Srinagar, Ende des 19. Jahrhunderts
...doch es kam anders...
Die Inhaltsangabe zum Buch
Einleitung - Der Berg
Epoche I - das 19. Jahrhundert bis 1919 - Geographen, Abenteurer und 'Mummery'
Epoche II - 1920er- und 1930er Jahre - Rakhiot , das große Sterben
Epoche III - 1950er Jahre - Buhl, allein zum Gipfel
Epoche IV - 1960er Jahre - Neue Ziele, neue Route - Diamir und Rupal im Visier
Epoche V - 1970er Jahre - Die wilden Jahre - Messner, Schell & Co.
Epoche VI - 1980-2009 - Hype, Massenandrang, Sammler und ein Piolet d'Or
Epoche VII - 2010er Jahre - Terror, Winter am 'Nanga' und Mazeno-Kamm
Epilog - Gegenwart und Zukunft - Quo Vadis?
Facts & Figures - Nanga Parbat in Zahlen 1895-2019
Leseprobe 1: 'Mummery, ein Pionier...'
Ende des 19. Jahrhunderts war Großbritannien deshalb eine Großmacht, weil es den gesamten indischen Subkontinent kontrollierte. Dazu gehörte auch das Gebiet des heute unabhängigen Staates Pakistan. Für die damalige Königin von England, Queen Victoria, stellte Anglo-Indien das wichtigste Gebiet ihres Herrschaftsbereiches dar. Anglo-Indien war ein hervorragender Verkaufsmarkt für die britische Wirtschaft und bot ein riesiges Potential an Arbeitskräften und Rohstoffen. Für die englische Krone eine womöglich nicht versiegende Quelle des Vermögens. Der Subkontinent war wichtig. Daher musste er beschützt werden, und deshalb bekam das Sicherheitsdenken der Briten zur Bewahrung ihres Verwaltungsbereiches einen immer größeren Stellenwert. Dabei geriet der Norden, das Fürstentum Kaschmir, immer mehr ins Visier der Briten, insbesondere das Gebiet um das Nanga Parbat-Massiv. In Kaschmirs Hauptstadt Srinagar hatten die Engländer das Wort. Die dort vorhandene Armee orientierte sich nach Norden, wo immer wieder wilde Bergstämme aus dem Gebiet des Indus in Kaschmir plündernd einfielen. Die Infrastruktur im Norden war schlecht, kaum gute Straßen, ein Erreichen der letzten nördlichen Bastion Kaschmirs, die Gegend um die Stadt Gilgit, schwer erreichbar. Gilgit war wiederum für das Fürstentum sehr wichtig. Denn sie galt als Handelsmetropole und lag an der wichtigen Handelsstraße durch den Hindukusch. Aber genau dort vor den Toren des nördlichen Kaschmirs lauerte die damals zweite große Macht Europas, Russland. Und auch die Russen setzten ihre Expansionsbestrebungen zu dieser Zeit gegen den Südosten weiter fort. Deshalb war es für die Briten extrem wichtig, den nördlichen Teil Kaschmirs gegen einen möglicherweise bevorstehenden Einfall der Russen in ihre Verwaltungsgebiete mit allen Mitteln zu verhindern. Der Nanga Parbat, südlich von Gilgit gelegen, lag also genau im Einflussbereich der Interessensphären der beiden Großmächte Russland und England.
Genau in diese Zeitspanne fiel die Anfrage des damals besten britischen Bergsteigers Albert F. Mummery, Kaschmir bereisen und das Nanga Parbat-Gebiet erkunden und den Berg, wenn möglich, besteigen zu dürfen.Früh im Jahr 1895 erhielt dann Mummery einen Brief aus Indien, von keinem Geringeren als vom Generalgouverneur Indiens, Sir Victor Alexander Bruce, selbst. Dieser bescheinigte ihm persönlich die Erlaubnis und wünschte ihm alles Gute für sein Vorhaben. Immerhin handelte es sich um die Besteigung eines Berges mit einer Höhe von mehr als 8000 m – und diese Art von Wagnis hatte bis dahin noch kein Mensch in Angriff genommen. Doch warum hatte der hervorragende englische Alpinist ausgerechnet den Nanga Parbat für eine Besteigung auserkoren? Nun, dieser Punkt vertrat durchaus sehr praktische Aspekte. Ende des 19. Jahrhunderts waren die großen Berge im Osten des Himalayas Ausländern auch aus politischen Gründen versperrt. Das Karakorum, im Westen des Himalaya-Gebirges und nördlich des Nanga Parbat-Massivs gelegen, war zur damaligen Zeit kaum erkundet, wild, unsicher, unbewohnt und hatte einen langen Anfahrtsweg zu verzeichnen. Aus Mummerys Sichtweise lag daher der Nanga Parbat gerade richtig – in Kaschmir – in gut zugänglicher Lage. Ausgestattet mit für dieses Gebiet bester Infrastruktur konnte er als bester englischer Bergsteiger in britisch besetztem Territorium auf alle nur erdenkliche Unterstützung zählen…
Leseprobe 2: 'Hermann Buhls Kamikaze-Gang zum Gipfel des Nanga Parbat – sein Weg zum Superstar'
...Als Buhl und Kempter in ihrem Zelt Schutz suchen, ist es schon spät – sie befinden sich auf 6900 m – am Grat, der vom Mohrenkopf zum Silbersattel führt. Zwei Männer unter dem Gipfel des noch unbestiegenen 8125 m hohen Nanga Parbat, der 1200 Höhenmeter (inklusive Ab- und Anstieg der Bazhin-Scharte sogar 1300 Höhenmeter) und sechs Kilometer Luftlinie entfernt ist. Eine gigantische Entfernung in der Todeszone. Noch nie war die letzte Etappe einer 8 000er-Besteigung so lange wie jene am ‚König der Berge‘. Während Otto Kempter schläft, macht sich bei Hermann Buhl Rastlosigkeit bemerkbar. Zu sehr ist er mit dem weiteren Aufstieg beschäftigt. Am Zelt rüttelt gefährlich aufkommender Wind. Buhl sichert es mit Pickel und Schistock. Wieder und wieder geht er die weitere Route im Kopf durch – was wird, was kann ihn erwarten. Aschenbrenner und Schneider kamen 1934 bis auf 7850 m. Bis heute der Höhenweltrekord am N. P. Buhl kennt die Meinung von Schneider und seine optimistische Einschätzung des Weges zum Gipfel. Er kennt aber auch die vorsichtigen Beschreibungen von Finsterwalder, der damals den Berg vermessen hatte. Um 02.30 Uhr morgens bricht er nach kurzer Rücksprache mit Kempter auf. Kempter wird ihm in Kürze folgen. Das Notwendigste, den Speck, überläßt er Kempter, im Rucksack: Dextro, Tee, Dörrobst, Tiroler Wimpel, pakistanische Flagge und Kamera, Pervitin – kein Zelt noch Biwaksack – minimalstes Gewicht – will man eine Chance haben, muss man abends wieder zurück sein. Als Buhl aus dem Zelt tritt, schlägt ihm der eisige Atem des Weltalls entgegen. 20 Grad unter Null. Eine klare, kalte Nacht. Der Nachthimmel ist wunderschön. Übersät mit nicht zählbaren Sternen. Sie scheinen den Berg zu berühren, der sich ihnen entgegenstreckt. Der Mond, riesengroß und unwirklich, reflektiert blass sein Licht auf den einsam auf zwei Schistöcken dahinschleichenden Mann am Grat. Zuerst Bruchharsch. Schwierig. Dann wieder Eis. Buhl legt seine Steigeisen an. Die Achtzacker erzeugen ein knirschendes Geräusch. Das Einzige in dieser unwirtlichen, vollkommen stillen Umgebung, die wie ein ferner Planet anmutet. Eine winzig, dünne Brise schleicht durch die Nacht. Silhouetten aus Fels und riesengroße Wächten begleiten seinen Weg. Buhl fragt sich, was die nächsten Stunden wohl bringen würden. Ein Schritt, zwei Atemzüge – gewöhnlich und bewährt. Die Nacht macht Platz für den Tag. Unten im Tal tiefste und schwärzeste Dunkelheit, doch der Silbersattel erstrahlt glänzend im Morgenlicht. Sein Verlauf zwischen den Silberzacken eine silbern geschwungene Linie. Das Tor zum Gipfel erscheint nah, aber doch immer gleich weit entfernt. Die Höhe und der niedrige Sauerstoffgehalt machen das richtige Abschätzen von Ferne und Nähe fast unmöglich. Schon jetzt mahnende Müdigkeit. Buhl lässt sich immer wieder in den Schnee fallen. Er erreicht den Silbersattel. 7450 m. Dahinter ein drei Kilometer langes Plateau – das Silberplateau. Zuerst leicht abfallend, dann 400 m über 2,5 km hinweg stetig ansteigend und schließlich steil bis zum Vorgipfel. Der Firn am Plateau ist durch Wind auf halbmeterhohe Windgangeln gefräst. Das erschwert das ohnehin bereits anstrengende Gehen. Die Sonne glüht. Die Luft steht. Kein Windhauch. Die Hochfläche wird zum Hitzespiegel. Die Strahlungshitze in eisiger Atmosphäre zur Falle. Bleierne Erschöpfung stellt sich ein. Obwohl bestens akklimatisiert, atmet er jetzt schneller. Anstelle zweier Atemzüge nun fast fünf pro Schritt. Buhl weiß: Er ist endgültig in der Todeszone angekommen. Der Körper beginnt abzubauen, das Blut wird dickflüssig. Die Zeit – ein Wettlauf hat begonnen. Die eigene Kraft lässt nach, aber jene der Sonne nimmt zu – trocknet ihn aus. Buhl versucht zu essen, aber er kann kaum schlucken – er ist bereits ausgetrocknet – mit dem halben Liter Coca-Tee muss er sparsam umgehen. Am Silbersattel erscheint ein Punkt – Kempter –, aber der scheint sich nicht zu bewegen. Hoffentlich schafft es der Kamerad. Später wird Buhl erfahren, dass Kempter aufgeben musste. Als er am Silbersattel rastete war er eingeschlafen. Seine körperlichen und geistigen Grenzen waren erreicht – abends, als Buhl nicht zurückkam, stieg er langsam ab. Für Buhl hat die Aufgabe Kempters Konsequenzen. Denn der hat den Speck im Rucksack. Buhl wird klar, dass er kaum mehr Proviant mit sich führt. Zehn Uhr vormittags – der Rucksack – schwer wie Blei. Buhl lässt ihn und seinen warmen Reservepullover am steilen Anstieg zum Vorgipfel zurück, bindet sich den Anorak um die Hüfte und steckt den Eispickel wie ein Schwert an die Seite. Der Fotoapparat wird umgehängt, und auf die beiden Stöcke gestützt setzt er seinen einsamen Weg fort – ein müder Krieger gegen den mächtigen Berg. Der Tag dehnt sich. Die Zeit eilt. Jeder Schritt eine Überwindung. Er erreicht den Vorgipfel. 7910 m. Den hat er bereits in in der Tasche. Soll er weiter? Müde, müde, müde. Am liebsten einschlafen…
Leseprobe 3: 'Das Zwischenspiel einer K2-Katastrophe'
Der Holländer musste den Verstand verloren haben, dachten sich Marco Confortola und Gerard ‚Jesus‘ McDonnell. Das freundschaftliche ‚Jesus‘ deshalb, weil Confortola in McDonnell auf Grund seiner langen Haare und seines Bartes eine Ähnlichkeit mit Gottes Sohn sah. Nach längerem Gespräch fanden sie allerdings, dass des Holländers Reaktion irgendwie nachzuvollziehen war. Wo sollten sie eigentlich hin? Doch nach unten. Also stiegen sie der Route des Holländers gegen 07.00 am 2.8.2008 nach. Es dauerte nicht lange und auch sie gelangten an die in den Seilen hängenden drei Bergsteiger. Doch im Gegensatz zu Van Rooijen erkannte Confortola in den Schwerverletzten zwei Südkoreaner und einen Sherpa wieder. Lange würden sie in ihren vorliegenden Positionen nicht mehr am Leben bleiben können. Was Van Rooijen nicht konnte, nämlich Hilfe zu leisten, wollten der Ire und der Italiener aber tun. In Schwerstarbeit auf mehr als 8000 m befreiten sie die Leidgeprüften aus den verhedderten Seilen, und es gelang ihnen, die beiden in den Seilen Hängenden zu ihrem sitzenden Berggefährten abzuseilen. Während der Bergeaktion war ‚Jesus‘ auf einmal verschwunden. Confortola konnte gerade noch erkennen, wie er begann, den Berg wieder nach oben zu erklimmen. ‚Jesus‘ verschwand aus dem Blickfeld und kam nicht wieder. Die Höhenkrankheit musste ihm den Verstand geraubt haben. Vielleicht dachte er, er müsse den Gipfel erklimmen, den er doch eigentlich schon in der Tasche hatte. Nach unglaublichen drei langen Stunden Hilfestellung entschied Confortola, abzusteigen, bevor auch sein Gehirn falsch zu arbeiten begann. Dem bei Bewusstsein befindlichen Sherpa versprach er, per Funk Hilfe anzufordern. Während des Hilferufs machte sich der labile Serac wieder bemerkbar und schickte unter ständigem Grollen eine Lawine den Berg hinunter. Confortola musste weiter. Zur weiteren Sicherung der Abgestürzten ließ er seinen Pickel zurück und überließ Jumik Bhote seine Handschuhe. Er hoffte, mit der verbleibenden Ausrüstung innerhalb der nächsten vier Stunden Lager 4 zu erreichen. Confortola überwand die Traverse und stieg erschöpft den Flaschenhals ab. Als er stolperte, rutschte er 30 m ab und dachte, sein Ende sei gekommen. Doch der Fall wurde gestoppt und er kam irgendwie unversehrt davon. Klar denken konnte er schon lange nicht mehr. Sein Konzentrationsvermögen war bereits schwer eingeschränkt. Aber hören konnte er noch. Nämlich einen lauten in der sonst stillen Zone des K2‑Gipfels eigenartig anmutenden Knall. Und dann ging es los. Einige hundert Meter über ihm brach aus dem überhängenden Serac eine Lawine los, wälzte über die Traverse und ergoss sich links und rechts vom Flaschenhals in unglaublichem Tempo zu Tale. Confortola bekam das mit. Starr vor Entsetzen blickte er dem ‚weißen Tod‘, der auf in zuraste, ins Auge. Aber der Tod kam nicht. Die weiße Masse aus Schnee und Eis stoppte links und rechts und 10 m unter ihm. Was er aber sah, ließ seine bereits kalten Glieder endgültig zu Eis gefrieren. Einige Meter von ihm entfernt im vom Blut rot gefärbten Schnee erkannte er die Überreste menschlicher Gehirnmasse und ein blaues Auge – das Auge von ‚Jesus‘ –, das Auge von Gerard McDonnell. Der Schock lähmte den Italiener. Das Grauen auf über 8000 m nahm kein Ende. McDonnell war nun schon der fünfte Tote. Kaum noch zu einem klaren Gedanken fähig, erklärte sich der Italiener den Lawinenabgang damit, dass McDonnell, als er wieder aufgestiegen war, die Lawine entweder selbst auslöste oder von ihr mitgerissen wurde. In einer ersten irrationalen Handlung nahm er das Auge in die Hand und starrte es an. Dann legte er es aber schnell wieder zurück in den Schnee. Fassungslos stieg er weiter ab. Waren die letzten Stunden tatsächlich real oder spielte sein Gehirn einen Film ab, den es eigentlich gar nicht geben durfte? War er auf dem Weg zum Wahnsinn? Weiter unten konnte er nicht mehr. Er fiel in den Schnee. Eigentlich wollte er es nicht, aber er schlief ein. Während er schlief, begann es leicht zu schneien. Der Schnee bedeckte den schlafenden Confortola mit einer dünnen weißen Schichte. Plötzlich zuckte er und etwas riss ihn aus dem Schlaf. Als er die Augen öffnete, erkannte er einen Schemen – jemand rief Marco! Marco! Jemand versuchte ihn zu ersticken…
Nanga Parbat
‚König der Berge‘ vs. ‚Killer-Mountain‘
Widersprüchlicher kann die Benennung eines Berges nicht lauten.
Entsprechend ist auch seine Geschichte verlaufen.
Robert Ransauer, der Autor
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