Todeszone
Mit Beginn der 1990er-Jahre galt die Annapurna als der gefährlichste 8000er des Himalaya. Sie wies die schlechteste Todesrate der höchsten Berge auf. Vor allem Lawinen kosteten einer Vielzahl von Bergsteigern das Leben. Trotzdem gab es noch eine Vielzahl von herausragenden alpinistischen Ereignissen, welche in die Himalaya-Geschichte Einzug fanden.
Der Weg zum Gipfel ist wie der Weg zu sich selbst -
ein Alleingang‘
Alessandro Gogna
Italienisches Expeditionsmitglied zur Annapurna, 1973
Die Inhaltsangabe zum Buch
Kapitel 1: Glanzlichter und Kommerz
Kapitel 2: Die Unverdrossenen
Kapitel 3: Damenkrone und Massenansturm
Kapitel 4: Facts & Figures
Leseprobe 1: 'Ausschnitt aus Beghin & Lafaille - Ende und Beginn‘
... Nach wie vor zeigte sich der Himalaya von seiner miesesten Seite. Ein verschneiter Felsvorsprung. Es schneite und der Wind heulte laut im Dreivierteltakt. Verständigen konnte man sich kaum. Beghin setzte einen ‚Friend‘, ein sich in einem Felsriss verspreizendes, mechanisches Klemmgerät, das fest in der Wand sitzen sollte. Seinen Eispickel hatte er, um ihn besser handhaben zu können, an Lafaille weitergereicht. Der hatte nun wieder zwei. Ein Wink des Schicksals? Außerdem hatten sie ihre Rucksäcke getauscht. Beghin trug nun jenen mit der technischen Ausrüstung und Lafaille jenen mit Zelt, Proviant und Kocher. Es herrschte Nervosität, denn der fast senkrechte Abhang, in welchem sie sich befanden, mündete in den noch steileren Eisschlauch. Immer wieder wurde ihre Konzentration von kleineren Schneeladungen, die abgingen, gestört. Lafaille hatte böse Vorahnungen. Was, wenn einmal Steinschlag dabei wäre? Würden sie das gleiche Schicksal wie der Brite Alex MacIntyre 1982 nehmen, der von einem großen Stein getroffen wurde und tödlich verletzt die Wand hinunterstürzte? Dann begann sich Beghin wieder abzuseilen und verschwand aus Lafailles Sichtfeld, der etwas oberhalb mit dem Rücken zur Wand stand. Das Seil spannte sich abrupt, als Beghin über einen winzigen Überhang nach unten glitt. Eigentlich nichts Besonderes. Es war nur ein kurzes Geräusch, ein trockenes Klicken im Wind zu hören, als der ‚Friend‘ aus seiner Spalte schoss und das Seil als vollkommen unkontrollierte Peitsche im Nichts verschwand. Mit der Peitsche fiel auch Beghin. Den Kopf zum Himmel gerichtet, die Arme auf die Seite gestreckt. Der schwere Rucksack auf seinem Rücken unterstützte die Schwerkraft. Beghin verschwand im Abgrund, in der Leere des Nichts. Ganz schnell und geräuschlos. Sein letzter Blick galt Lafaille. Und dieser Blick sollte sich in Lafailles Gehirn für immer einbrennen. Der Tod hatte für ihn ein Gesicht und einen Namen erhalten. Er war wie gelähmt, zitternd, schrie er in die Wand hinaus. Um ihn quollen Sturmböen. Es war immer finsterer geworden, obwohl es erst 11.00 Uhr war. Lafaille brauchte lange, um sich zu sammeln, bevor er einer pragmatischen Bestandsaufnahme zugänglich war. Die immense Kälte hatte ihn wieder wachgerüttelt. Seine Situation war katastrophal. Ganz plötzlich war er zu einem Gefangenen der Annapurna geworden. Er wusste, dass Rettung aus dieser Höhe unmöglich war. Er konnte sich nur selbst retten …
Leseprobe 2: 'Ausschnitt aus ‚Lafaille & Inurrategi - Der Ostgrat zum Gipfel und zurück‘
... Während am Ende des Tages Inurrategi aus seinem Zelt, an dem fortwährend der Wind zerrte, vor Erschöpfung nicht mehr herausfand, sicherte Lafaille noch 100 m sich fortsetzendes Felsgelände. Fix und fertig erreichte auch er das Zelt. Vor dem versuchten Einschlafen hatte das Duo nur einen Gedanken: Würde das Wetter halten? Obwohl sie zu zweit waren, fühlten sie sich in der luftarmen Eiswüste einsam. Wieder lag eine Nacht in der Todeszone vor ihnen. Die Stimmung war von Bedenken getrübt, die sich mit zunehmender Dämmerung und der Schwärze der Nacht zu Angst verdichteten. Normalerweise waren beide immer voller Optimismus, waren voller Tatendrang und platzten vor Verlangen, am obersten Punkt zu stehen. Doch wie standen die Chancen jetzt? Würden ihnen ihre Stärken für morgen wieder neue Kraft verleihen? Eine Funkverbindung mit dem Basislager zeugte von weniger Wind für den 16.5. Doch am 16.5., von Schlafen konnte keine Rede gewesen sein, es war eher ein unruhiges Dahindösen, kamen die ersten Zweifel, von Tausenden Befürchtungen genährt, über die Machbarkeit des Vorhabens auf. Von geisterhaften Gedanken getrieben, konnte man die letzte Nacht kaum ein Auge zudrücken. Gemeinsam beäugte man sich gegenseitig spannend, bis man sich entschied, es weiter zu versuchen. Vor allem Lafailles Ehrgeiz war noch nicht gebrochen. Noch nie war er dem Annapurna-Gipfel so nahe gewesen. Aus seiner Sicht hatte er noch mehr als eine Rechnung mit dem Berg offen. Und diese musste beglichen werden. Jetzt oder nie. Er griff nach jedem sich bietenden Strohhalm. Von stürmischen Winden geweckt, brachen beide auf. Zum Gipfel. Im Prinzip ohne Gepäck. So leicht wie möglich. Etwas Wasser, Ersatzhandschuhe, Skibrille und Kamera. Kaum hatten sie die 100 Meter bereits gesicherter Felspartie vom Vortag überwunden, standen ihnen eine Reihe trockener Felstürme im Weg. Der weitere Weg zum Gipfel über den Grat war versperrt. Weg von der Gratschneide. Das war die Konsequenz. Doch die Hänge, die man in der Folge queren musste, konnten furchterregender nicht sein. Auf beiden Seiten des Grates. Anseilen war wieder angesagt. Nicht nur wegen der Steilheit der Hänge, sondern auch aus Sicherheit vor der sich immer mehr einstellenden Erschöpfung und der sich daraus einstellenden eingeschränkten Fähigkeiten. Die Topographie des Geländes führte dazu, dass der Baske und der Franzose immer weiter nach unten, bis zu dreihundert Meter von der Gratschneide entfernt, gedrückt wurden. Das Gelände war beinhart vereist. Beine und Arme brannten vor Anstrengung wie Feuer…
Leseprobe 3: 'Ausschnitt aus ‚Der Tod des Inaki Ochoa‘
... Den ersten der beiden konnte man als gerettet erachten. Aber wie erging es Ochoa? Steck war bereits zu ihm aufgestiegen. Das Zelt war zur Hälfte eingeschneit. Im Zelt lag ein halbtoter Ochoa. Es roch erbärmlich nach Urin und Kot. Am liebsten wäre Steck vor dem Zelt verblieben, aber das war nicht möglich. Er musste Ochoa helfen. Der war zwar ansprechbar und erkannte Steck auch, aber sein Unterarm war bis zum Ellenbogen schwarz – erfroren. Steck verabreichte ihm eine große Menge Dexamethason und Schmerzmittel. Nebenbei schmolz er Schnee, um Ochoa Flüssigkeit zu verabreichen. Stecks primäres Ziel war es, den Spanier am Leben zu erhalten. Aus dem Basislager hatte man ihm angefunkt, dass aus Kathmandu ein Rettungstrupp nach Lager 2 eingeflogen wurde. Unter ihm auch der Himalaya-Spezialist, der Kasache Denis Urubko. Steck und Ochoa verbrachten eine furchtbare Nacht. Immer wieder musste sich Ochoa im Zelt übergeben. Steck verabreichte laufend Medikamente und schmolz Schnee. Es war so kalt, dass die Nadel der Injektionen zufror und immer wieder über dem Kocher aufgetaut werden musste. Obwohl es schien, dass es Ochoa während der frühen Morgenstunden des 23.5. besser erging, hatte er am frühen Vormittag das Atmen eingestellt. Die Wiederbelebungsversuche von Steck waren nicht erfolgreich gewesen. Der im Bergsteigermilieu so beliebte und angesehene Spanier Inaki Ochoa war nicht mehr. Steck informierte das Basislager über die neue Situation. Die Rettungsaktion wurde abgebrochen. Inzwischen hatte Sturm eingesetzt. Steck hatte seit zwei Tagen nichts gegessen und lag mit einer Leiche im Zelt. Von Anthamatten ließ er sich den Wetterbericht durchgeben, der aber nicht vielversprechend war. Erst am kommenden Morgen könnte sich ein Fenster für den Abstieg ergeben. Da er nicht mit einer Leiche im Zelt übernachten wollte, zerrte er den Spanier aus dem Zelt und begrub ihn auf 7400 m in einer nahe gelegenen Gletscherspalte. Dann kehrte er zum Zelt zurück und trank und trank. Für Steck ging es nun ebenfalls ums nackte Überleben. In der Nacht stellten sich Halluzinationen ein. Er hörte eine Stimme. Die von Ochoa. Also sah er nach, ob dieser noch lebte. Als er in der Gletscherspalte nachsah, konnte er feststellen, dass Ochoa nach wie vor tot war. Stecks Unterbewusstsein hatte ihm einen Streich gespielt. Den Rest der Nacht verbrachte er wach …
"Das Risiko verschafft mehr Befriedigung als der Sieg‘"
Tomaz Humar
Auch zu Zeiten des Kommerz und Massenansturms kam es an der Annapurna immer wieder zu tragischen und spektakulären Ereignissen. Gänsehaut am 8000er. Du solltest Dir dieses Gefühl nicht entgehen lassen.