Marathon meines Lebens
10.000 Kilometer bei Tagesanbruch.
Zwischen 05:00 und 10:00 Uhr, Stunde um Stunde, trat ich im Jahr 2025 in die Pedale. Es zählten nur jene Kilometer, die in drei aufeinanderfolgenden Stunden erkämpft wurden – ein selbst auferlegtes Regelwerk, kompromisslos und ehrlich. Zehntausend Kilometer in zehn Monaten.
Eine 2-Rad-Challenge, die mir viel abverlangte und für die ich einen sehr langen Atem benötigte.
Für alle, die glauben, dass echte Veränderung dann beginnt, wenn es noch dunkel ist.
'Ich fange einfach einmal an.
Der Rest wird sich schon von selbst ergeben.
Denn die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt.'
Robert Ransauer
Die Inhaltsangabe zum Buch
01 Warum?
02 Höllenhund
03 Vierfachplatten
04 Eiszunge
05 "SCOTTY"
06 Wind
07 Diebstahl im 7. Biker Himmel
08 Naturverbunden
09 Nässe
10 Ziegenbeute
11 Handyfrust
12 Dem Tode ins Gesicht gespuckt
13 Das Rehkitz
14 Baumwurzel
15 Passanten haben immer recht
16 Rückwärtsgang ins Verderben
17 Entflohene Welpen
18 Pedal im Schienbein
19 Gespannte Hundeleine
20 Dunkelheit
21 Das Ende
22 Mission Statement
Leseprobe 1: Ausschnitt aus ‚Wind‘
Wind bedeutet für den Radfahrer enorme Kraftanstrengung. Ich führe gleich zu Beginn ein Beispiel an, das alles über den Gegenwind aussagt. Denn eine gängige Faustregel unter Radfahrern besagt, dass der Gegenwind die Fahrgeschwindigkeit des Radfahrers um etwa die Hälfte seiner eigenen Geschwindigkeit reduziert. Bei 30 km/h Gegenwind können Sie also mit einer Verringerung Ihrer Geschwindigkeit um etwa 15 km/h rechnen. Rollen sie also mit einer Geschwindigkeit von 25 km/h ein und beträgt der Gegenwind 30 km/h, dann erreichen sie gegen den Wind nur noch ein Tempo von 10 bis 15 km/h. Mathematisch heißt das: Der Luftwiderstand steigt quadratisch mit der Fahrgeschwindigkeit. Eine zähe Angelegenheit, denn die Fahrgeschwindigkeit wird stark reduziert. Für den Radfahrer fühlt sich das so an, als müsse er bergauf fahren.
Psychologisch habe ich persönlich bei selber Kraftanstrengung mehr Probleme, gegen den Wind zu fahren, als bergauf. Beim Bergauffahren weiß ich im Vorhinein, auf was ich mich einlasse, bei Gegenwind ist das nur bedingt der Fall. Beim Bergauffahren finde ich einen Rhythmus. Gegen den Wind gibt der Wind den Rhythmus vor, und das ist ungleich anstrengender, als sich in einem konstanten Rhythmus zu befinden. Die Sache hat, leicht zynisch betrachtet, auch einen Vorteil, trifft aber den Punkt: Bei starkem Wind muss man nicht in die Berge fahren. Ich nehme, was nicht immer so war, diese Art von Bergauffahren in der Zwischenzeit als sportliche Herausforderung an und als gutes Training. Ich bin es gewohnt sehr zügig wenn nicht sogar schnell zu fahren. Das erreiche ich mit hohen Gängen. Im Laufe der Jahre habe ich Kraft aufgebaut und damit eine hohe konstante Geschwindigkeit erreicht. Bei Wind schalte ich herunter und strebe eine relativ hohe Trittfrequenz an. Das wiederum steigert meine Herz-Kreislauf-Ausdauer. Mir fällt aber auch auf, je älter ich werde, desto schwerer tue ich mir dabei. Mal sehen wie lange ich das durchhalten werde, und dann dem Wind endgültig aus dem Weg gehe. Noch fühle ich mich für derartige Anstrengungen gewappnet...
Leseprobe 2: ‚Eiszunge‘
Das folgende Ereignis ist mir in Erinnerung geblieben, weil es Risiko barg und ich mich durch eine große, unüberlegte Dummheit selbst in Gefahr brachte. Traiskirchen ist durch mehrere kleine Radwege, welche durch Weingärten führen, mit dem Thermenradweg verbunden. Knapp vor der Einmündung in den Thermenradweg muss man eine breite Hauptstraße ohne geregelte Kreuzung passieren. Die Autofahrer rasen dort wie die Verrückten. Bevor ich diese Hauptstraße erreichte, näherte ich mich einem spiegelglatten Fahrbahnabschnitt. Der Abschnitt lag den ganzen Tag über im Schatten und leichte Verwehungen der letzten Tage hatten den Schnee auf den Radweg transportiert. Dort lag er jetzt in Form einer Eisfläche. Schon vor Jahren hatte ich mit Eis Bekanntschaft gemacht und war im Süden Wiens auf einer Eisplatte mit dem Rad weggerutscht. Ich war damals glimpflich davongekommen. Aber gelernt hatte ich daraus offensichtlich nicht. Als ich mich näherte, kam ich zwar nicht vollständig zum Stillstand, aber fuhr im langsamen Schritttempo weiter. Ich, Trottel! Im Nu war ich auf der Eisfläche. Die war etwa 100 m lang, und eine kleine Eiszunge führte genau in die vorne lauernde, querliegende und stark befahrene Bundesstraße. Es war bereits zu spät, als das Vorderrad Eis berührte. Meine vom Dauertreten etwas abgestumpften Sinne waren binnen Millisekunden höchst sensibilisiert. Schon mal ohne Spikes mit einem Rad auf Eis gefahren? Zumindest wusste ich instinktiv, wie ich mich zu verhalten hatte. Unbedingt den Lenker gerade stehen lassen. Jede auch nur kleinste Bewegung mit dem Lenker nach rechts oder links und das Vorderrad wäre weggerutscht. Keine plötzliche Tretbewegung. Das Hinterrad, welches für Antrieb sorgt, würde mit Sicherheit sofort ausbrechen. Und Bremsen und danach Absteigen war auch keine Option. Ich hatte profillose Sportschuhe an den Füßen. Würden die beim Absteigen Eis berühren, wäre ich sofort darniedergelegen und das Rad auch. Auf spiegelglattem Untergrund mit einem Rad wieder auf die Beine zu kommen, wollte ich mir nicht vorstellen. Ich kam sofort unter Druck. Denn das Rad rollte nur langsam. Ein „Geigeln“ durfte nicht passieren. Also betätigte ich das rechte Pedal ganz langsam nach vorne, hob meinen Po instinktiv aus dem Sattel und begab mich ganz vorsichtig in Stehposition. In der Art, dass das Hinterrad nicht ausbrach und das Vorderrad geradeaus gerichtet war. Mit der Stehposition verursachte ich leichten Druck auf das Vorderrad. Ich musste aber aufpassen, denn zu viel Druck hätte es leicht wegrutschen lassen. Meine rechte Hand lauerte auf eine Zugbewegung am Bremshebel. Meine linke Hand umfasste die linke Seite des Oberlenkers, der im Fachjargon auch „Top-Section“ genannt wird. Zu meinem Pech war ich mit dem Sommerrad unterwegs. Die Bereifung war viel schmäler als jene am Winterrad. 4,0 cm Pneubreite anstelle von 4,5 cm. Die breiteren Reifen hätten sicher für mehr Stabilität gesorgt. Kaum zu glauben, was ein halber Zentimeter für einen Unterschied ausmachen kann. Außerdem wären sie nicht so abgefahren gewesen. Immer wieder knisterte leise das unter mir bösartig gesinnte graue Eis. Unter dem Gewicht des Rades bildeten sich feine in alle Richtungen verlaufende Risse, die sich spinnwebenartig ausbreiteten. Es war die einzige Spur die ich auf der spiegelglatten Fläche hinterließ. Der Seiltanz hatte begonnen. Alarmstufe Rot! ...
Leseprobe 3: ‚Gespannte Hundeleine'
Sehr gefährlich für Radfahrer sind Hunde, die an Schleppleinen gehen. Schleppleinen sind fünf Meter lang oder länger. Sie geben dem Hund mehr Freiraum, und der Hundebesitzer glaubt trotzdem noch, im Fußgänger- und Radverkehr Kontrolle über seinen Vierbeiner zu besitzen. Zumindest kann er nicht ausbüchsen. Das Herrchen vergisst aber, dass am Radweg solch eine Leine schwere Gefahr bedeuten kann. Dazu das Erlebnis, das mir widerfahren ist.
Ich war praktisch am Ende meiner Tour angekommen und hatte vielleicht noch 5 Kilometer bis nach Hause. Ich kam aus Brunn am Gebirge und wollte weiter Richtung Maria Enzersdorf/Südstadt. Den Streckenabschnitt findet man auf Karten auch unter der Bezeichnung „In den Schnablern“. Durch die „Schnablern“ führt ein zumeist leicht abschüssiger Radweg. Die etwa 1,5 Kilometer lange Radstrecke startet mit einer langen Linkskurve, in deren linker Seite sich einige kleine Weingärten und ein Winzer befinden. Die Kurve ist gut einsehbar, auch wenn die Weinbauern dort auch einmal nicht mähen. Ich kam nicht langsam daher. Bereits 100 m vor mir konnte ich zwei Damen erkennen, die am rechten Wegrand tratschten. Eine davon hatte einen Hund an der Leine. Ein zweiter Hund befand sich am linken Wegrand. Frei laufend. Zumindest war ich dieser Meinung, denn er stand ja frei herum. Übliche Vorgehensweise: Ich läutete meine Anwesenheit ein. Die beiden Damen waren in ihr Gespräch vertieft. Auch die beiden Hunde hatten mich offensichtlich nicht wahrgenommen. Ich näherte mich. Klingelnd. Keine Reaktion der Passanten. Der Weg war breit. Weit und breit keine Gefahr in Sicht. Die beiden Damen standen weit rechts – keine Gefahr! Ich würde weit links an ihnen vorbeifahren. Der Hund an der linken Seite schnüffelte in der Wiese. Wäre er angriffslustig gewesen, hätte er längst eine Attacke lanciert. Entgegen kam mir auch nichts. Wirklich keine sichtbare Gefahr. Dachte ich. Ich meine, was sollte passieren? Es gab überhaupt keinen Anlass, abzubremsen, stehenzubleiben und das Rad an Mensch und Tier vorbeizuschieben, nur um niemanden zu gefährden. Zugeben muss ich, dass ich schnell war. Ich gefährdete aber niemanden, und für Radfahrer gibt es auf Radwegen bei freier Fahrt auch keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Ich rollte also schnell dahin, als sich drei Meter vor mir eine Hundeleine in Lenkerhöhe plötzlich quer über den Radweg spannte...
Leseprobe 4: ‚Dem Tode ins Gesicht gespuckt‘
Ich kam die L154 Richtung Süden, hatte die S-Kurve hinter mir und weit vor mir zeichnete sich der Kreisverkehr ab. Natürlich gibt es auf der L154, obwohl schon längst fällig, keine schmale, für Radfahrer gekennzeichnete Radspur. Daher klebte ich wie immer an der weißen, breiten Begrenzungslinie zum Bankett. Weit vor mir war ein weißer Sattelschlepper ohne Anhänger in den Kreisverkehr eingebogen und schlängelte seinen riesigen Aufbau wie eine Viper durch das Kreisrund. Hinter dem Lastkraftwagen hatten sich drei PKW’s aufgefädelt. Aus eigener Erfahrung als Autofahrer weiß ich, dass man, wenn man die äußerste Krümmung des Kreisverkehrs erreicht hat, eine sehr gute Sicht auf die Streckenführung Richtung Norden hat. Jene Richtung, aus der ich kam. Ich unterstelle jetzt einmal, dass der erste hinter dem LKW dahinschleichende PKW ebenfalls gute Sicht hatte. Offensichtlich hatte er festgestellt, dass weit und breit kein entgegenkommendes Fahrzeug zu bemerken war. Zumindest keines auf vier Rädern. Denn als der Sattelschlepper im Begriff war, den Kreisverkehr zu verlassen, blies der Lenker des nachfolgenden Autos zum Überholmanöver. Ich hatte zweifaches Pech. Ich klebte ausnahmsweise einmal nicht auf der weißen Begrenzungslinie zum Bankett, sondern befand mich in etwa einen halben Meter links davon. Nichts Rechtswidriges, ganz normal. Ich befand mich ja auch in der Spur meiner Fahrtrichtung. Zum Zweiten dürfte ich mich aus Sicht des überholenden PKW-Lenkers genau im Windschatten des Sattelschleppers aufgehalten haben. Also in einem toten Winkel. Er hatte offensichtlich freie Sicht auf die Streckenführung vor dem Sattelschlepper gehabt, hatte kein sich näherndes Fahrzeug gesehen und wahrscheinlich niemanden, der sich in dem kurz verdeckten Streckenabschnitt neben dem LKW befand. Tja, aber genau dort war eben ich unterwegs...
„Meine 2-Rad-Challenge war kein Wettbewerb im klassischen Sinn, kein Event und schon gar keine Show. Sie war eine Selbstverpflichtung unter künstlich erschwerten Bedingungen. Das war ihr stärkster USP.“
Robert Ransauer
Begleite mich auf eine unglaubliche Reise in den Sonnenaufgang, in die Dunkelheit, in den Nebel, in die Kälte und in die Hitze des Tagesanbruchs. Immer umrundet von Abenteuern, irren Erlebnissen und unvergesslichen Momenten. Eingerahmt in eine 2-Rad-Challenge der besonderen Art und den Kampf gegen mich selbst.