Everest 96 - Todesetappe
Die Welt blickte erschüttert auf das „Dach der Welt“.
Im Mai 1996 wird der Mount Everest zur Bühne einer der tragischsten Katastrophen der modernen Alpingeschichte. Ein kritischer Blick auf die Entwicklung des Everest-Bergsteigens in den 1980er- und 1990er-Jahren. Dem Wandel vom Abenteuer erfahrener Alpinisten hin zu einem kommerzialisierten Geschäft, in dem zahlungskräftige Kunden den Gipfel buchen konnten.
Die Inhaltsangabe zum Buch
01 Die Jahre vor 1996
02 Rob Hall – „Adventure Consultants“
03 Anmarsch
04 Scott Fischer – „Mountain Madness“
05 Zum Basislager
06 Khumbu-Eisbruch
07 Western CWM
08 Lhotse-Flanke
09 Aufbruch
10 Südsattel
11 Der Balkon
12 Südostgrat
13 An und um den Gipfel
14 Im Norden
15 Abstieg im Blizzard
16 Gefangen in der Todeszone
17 Rettungsversuche
18 Danach
19 Warum?
20 Die Bücher
21 Was übrig blieb
22 Bergkommerz
Leseprobe 1: Ausschnitt aus ‚Südsattel‘
In der Route herrschte reger Verkehr. Bergführer, Kunden und Sherpas gaben eine Menschenschlange von über fünfzig Personen ab. Wie Perlen an einer Schnur waren sie die Lhotse-Flanke aufwärts aneinandergereiht und bekamen von den Vorfällen und dem folgenschweren Zwischenfall innerhalb der taiwanesischen Expedition gar nichts mit. Der Bergsteiger Chen Yu-Nan hatte einen fatalen Fehler begangen. Um seine Notdurft zu verrichten, hatte er sein Zelt verlassen. Allerdings vergass er, seine Steigeisen anzulegen. Schon als er den ersten Fuß aus dem Zelt setzte, glitt er mit seinen profillosen Innenschuhen am blanken Eis aus und rutschte die enorm steile Lhotse-Flanke hinunter. Kopfüber landete er in einer Gletscherspalte. Zum selben Zeitpunkt war der Sirdar der IMAX-Expedition, Jangbu, gerade beim Abstieg vom Lager 4 nach Lager 2, weil er Lasten zum Südsattel transportiert hatte. Glücklicherweise hatte er den Vorfall bemerkt und sofort den taiwanesischen Expeditionsleiter aus dem Zelt geholt. Gemeinsam retteten sie Chen aus seiner miesen und ebenso beschämenden Lage. Er wurde zurück in sein Zelt geleitet und schien keine schwerwiegenderen Verletzungen davongetragen zu haben. Eher war ihm die ganze Situation peinlich gewesen. Er war der Meinung, nach wie vor in der Lage zu sein, den Gipfel in Angriff zu nehmen. Das restliche taiwanesische Team, welches nur noch aus seinem Leiter und drei ihn begleitenden Sherpas bestand, hatte sich mittlerweile in Richtung Lager 4 zum Südsattel aufgemacht. Einstweilen verschlechterte sich der Zustand des zurückgebliebenen Chen zusehends. Drei Sherpas beschlossen, den kranken Mann sofort die Lhotse-Flanke nach unten zu bringen. Doch Chen verlor kurz nach Beginn des Abstiegs die Besinnung und stellte auch die Atmung ein. Die Sherpas organisierten via Funkgerät aus Lager 2 Hilfe. Die Leiche rührten sie aus Aberglauben nicht an. Für die Sherpas bedeutete die Ansicht einer Leiche am Berg Unglück. Noch schlimmer wäre es für sie gewesen, wenn sie Chen auch noch angerührt hätten. So stiegen sie einfach weiter ab und ließen Chen 100 m oberhalb des Fußes der Lhotse-Flanke an das Fixseil gezurrt hängen. Breashears, der die Angelegenheit in Lager 2 via Fernrohr und Funk mitbekommen hatte, organisierte Viesturs und Schauer, und gemeinsam stiegen sie zu dem Taiwanesen auf. Aber sie kamen zu spät. Als sie nach 40 Minuten bei Chen eintrafen, war dieser bereits tot. Das Trio hatte alle Hände voll zu tun, Chens Leichnam bis zum Bergschrund abzuseilen. Dort warteten einige taiwanesische Expeditionskollegen und halfen bei der Bergung. Inzwischen hatten sich die Nebelschwaden, die ins Western CWM gezogen waren, in einen Schneesturm verwandelt, der den Abtransport Chens nach Lager 2 zusätzlich erschwerte und verzögerte. Um den Abtransport am kommenden Tag bis ins Basislager sicherzustellen, wurde Chen auf Eis gelegt. Gefroren würde man ihn besser transportieren können. Das aufsteigende taiwanesische Team hatte vom Schicksal ihres Bergkameraden noch gar nichts mitbekommen. Sie waren selbst intensiv mit ihrem Aufstieg zum Südsattel beschäftigt...
Leseprobe 2: Ausschnitt aus ‚Gefangen in der Todeszone‘
Beidleman war es irgendwie gelungen, alle in einer Gruppe zusammenzuhalten. Seine Geistesgegenwart hatte dafür gesorgt, dass niemand verloren ging. Aber die Hoffnung lebte nur kurz. Die Gruppe hatte seit zwei Tagen nicht geschlafen, hatte kaum gegessen und getrunken, hatte keinen künstlichen Sauerstoff mehr bei sich und stand vor einigen Stunden kraftlos an der Tür zum Weltraum. Wie sollten sie am Südsattel des Everest in einem Orkan überleben? Pittman, Fox, Namba und Weathers waren nicht mehr ansprechbar. Innerhalb des Teams breitete sich eine chaotische Stimmung aus. Gegenseitig trommelte man auf Beine und Arme des anderen ein, um die Blutzirkulation aktiv zu halten. Weathers hatte sich, aus welchem Grund auch immer, zwei Paar Handschuhe ausgezogen. Das hatte zur Folge, dass die Haut der rechten Hand sofort am dritten noch übergezogenen Handschuh anfror. Und auch der gesamte Unterarm erstarrte zu Eis. Weathers stand ob dieser Umstände so sehr unter Schock, dass er erschreckt das Handschuhpaar, das er in der linken Hand hielt, im Sturm verlor. Nur noch ein Handschuh an jeder Hand. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Hände unter seine Jacke zu stecken. Das allerdings schränkte seine Bewegungen ein. Und die hätte er in der arktischen Kälte bitter nötig gehabt.
Einige waren mittlerweile hysterisch und schrien um ihr Leben, andere wieder waren lethargisch und gaben keinen Laut von sich. Die durch den Sturm noch weiter angefachte Kälte war nach nur einigen Minuten so intensiv, dass viele davon Schmerzen hatten und sich wie zu einem Ball zusammenrollten. Sie hofften, dass der Tod schnell kommen möge. Auf den ums Überleben Kämpfenden hatte sich eine weiße Schneedecke gelegt, die sie von der Umgebung kaum mehr abhob. Sie hatten mit Ausnahme von Weathers alle den Gipfel erreicht. Den Gipfel, den jeder Einzelne so ersehnt hatte, und nun standen sie knapp vor dem Tod oder würden zum Krüppel durch die Naturgewalten werden...
Leseprobe 3: Ausschnitt aus ‚Rettungsversuche"
Burleson war gerade durch das Lager gestreift, als eine Gestalt auf ihn zuwankte. Ein Wesen, das er nicht erkannte. Ein steifgefrorener Zombie. Eine seltsame Kreatur, die auf ihn zuschlurfte. Mit einem schwarzen Gesicht, als wäre es verbrannt. Mit einem halboffenen Anorak, der mit Schnee gefüllt war. Der rechte Arm war nackt und über dem Kopf eingefroren. Die Haut marmorig, weiß und blutleer. Das Geschöpf musste soeben vom Tode auferstanden sein. Weathers war nach wie vor mehr jenseits als diesseits des Jordans. Sein Zustand war äußerst kritisch. Burlesons Verwunderung kam nicht nur vom Anblick Weathers‘, sondern auch davon, weil er gehört hatte, dass alle oberhalb des Lagers Abgängigen tot seien. Er reagierte schnell und rief nach Athens und dem Arzt Hutchison. Sie steckten Weathers in das Zelt Scott Fischers. Eine Erstversorgung trug ihm eine Steroidspritze ins Bein ein. Des Weiteren landete er in zwei Schlafsäcken, in die man noch zusätzlich heiße Wasserflaschen beförderte. Aus dem Basislager war zu vernehmen, dass Weathers trotzdem sterben würde, und man ihn lassen sollte, wo er war. Aber Weathers würde ihnen diesen Gefallen nicht tun. Sofort wurde die Todesnachricht über ihn revidiert. In Dallas läutete binnen weniger Stunden bei Weathers Frau zum zweiten Mal das Telefon. Sie hatte gerade die fürchterliche Pflicht hinter sich gebracht, ihren Kindern vom Tod ihres Vaters zu berichten, als ihr mitgeteilt wurde, dass der Verstorbene doch nicht tot sei. Die Chancen, zu überleben, seien aber auch nicht hoch. Er hätte einen Sturm aus Schnee, Kälte und Eis irgendwie überlebt, so hieß es. Für seine Familie muss es wohl ein Sturm der Emotionen gewesen sein. Überraschend war, dass man in Sachen Weathers nicht viel Weiteres unternahm. Man ließ ihn alleine im Zelt zurück und war der Meinung, dass in Fällen von Hypothermie das Aufleben nur das Unvermeidliche verzögerte. Der Einzige, der diese Auffassung nicht teilte, war Weathers selbst. Den Pessimismus seiner Bergkameraden teilte er nicht und hatte sich fest vorgenommen, weiterzuleben...
Leseprobe 4: Ausschnitt aus ‚Bergkommerz‘
Immer mehr Beliebtheit erlangen sogenannte ‚Flash-Expeditionen‘ – zumindest bei gut betuchtem Kundenpotential. Die Teilnehmer erhalten von den Veranstaltern ein Hypoxie-Set zur Verfügung gestellt. Damit können sie sich schon Wochen vor Start der Expedition zu Hause an die Höhenluft gewöhnen. Dadurch fällt die manchmal wochenlange Akklimatisation am Berg aus. Die Expeditionszeit wird damit von üblicherweise mehreren Monaten auf einige wenige Wochen verkürzt. Der Ablauf einer solchen Expedition ist eine perfekt umgesetzte Wertschöpfungskette für eine Dienstleistung zum Besteigen eines 8000ers. Schon jetzt ein bahnbrechender Weg für den Alpinismus der Zukunft und voll etabliert. Bis zu 100 000 Dollar berappen Teilnehmer, um schnell zum Gipfel zu kommen. Geld spielt für diese Klientel keine Rolle, Zeit aber schon. In 3–4 Wochen steht man am Ende eines Traumes. Auf der Spitze eines Berges. Jeder Teilnehmer bekommt zwei Sherpas an die Seite gestellt, ausreichend Sauerstoff und jeden nur denkbaren Luxus im Basislager. Die ‚alten Hasen‘ des Höhenbergsteigens können mit dieser Art des Bergsteigens nichts mehr anfangen und lehnen diese ab. Das Ziel der neuen Generation von Veranstaltern ist es aber nicht, die alte Bergsteigergarde glücklich zu machen, sondern die Kunden schnell und gesund auf den Gipfel und wieder nach Hause zu bringen. Alles andere sei Nebensache. Die Konkurrenz zum traditionellen Denken hat längst begonnen. Die Unternehmer dieser neuen Art des Gipfel-Erklimmens verleihen ihren Expeditionen das Attribut ‚Innovation‘. Was so viel bedeutet wie, umzudenken und alte Klischees hintenanzustellen. Warum sollte man technische Neuheiten und wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren, nur weil es der Tradition widerspricht? So lautet die Devise. In der Zukunft liegt also Innovation und nicht mehr unbedingt die Tradition. Immerhin gibt es von dieser neuen Ansicht des Bergsteigens auch regionale Profiteure. Für sie ist der Bergtourismus überlebenswichtig geworden. In dem Gebiet, in welchem sie leben, ist eine Berufsausübung, außer am Berg Dienstleistungen anzubieten, kaum möglich. Vom Yakzüchter, Träger und Koch bis hin zum Restaurantbesitzer verdient jeder an diesen neuen Errungenschaften mit. Für lokale Verhältnisse gar nicht wenig. Ein sogenannter ‚Climbing-Sherpa‘, der die gesamte Saison am Mount Everest arbeitet, verdient heute etwa 6 000 Dollar oder mehr. Das ist eine ganze Menge Geld in einem sehr armen Land und entspricht fast dem Zehnfachen eines normalen Erwerbstätigen im Himalayastaat Nepal. Bergtouristik rund um die armen Bergregionen von 8000ern bringt den dort Ansässigen also auch ein (Mehr-)Einkommen und damit längst notwendig gewordene bessere Lebensbedingungen...
Die Katastrophe am Mount Everest im Jahr 1996 markierte einen Wendepunkt in der Geschichte des Höhenbergsteigens. Acht Tote, zahlreiche Verletzte – und eine unbequeme Frage: War dieses Unglück unvermeidbar, oder das Ergebnis eines Systems, das längst aus dem Gleichgewicht geraten war? Die Antworten erhältst Du in diesem Buch.