Wilde Jahre

Die ‚wilden Jahre‘ im Himalaya kennzeichnen die Periode von 1970 bis Ende der 1980er-Jahre. In dieser Phase des Höhenalpinismus wurden, nachdem alle 8000er bereits erstbesteigen waren, die messerscharfen Grate, und die als unbesteigbar gehaltenen Steilwände als Alternativrouten zu den Gipfeln der höchsten Berge der Welt, gestürmt. Zu jener Zeit wurde auch an der Annapurna herausragende Himalaya-Geschichte geschrieben. 

"Dass ich lebe, ist pures Glück‘"
Sir Chris Bonington 
Expeditionsleiter der Annapurna-Expedition 1970 
Zitat aus einem Interview des Sir Chris Bonington mit dem Magazin ‚Bergsteiger‘ aus 12-2016 

 
Die Inhaltsangabe zum Buch
 
 
Kapitel 1: Aufbruch in neue Zeiten

Kapitel 2: Die Draufgänger

Kapitel 3: Facts & Figures

 
Leseprobe 1: 'Ausschnitt aus der Bezwingung der Annapurna-Südwand im Jahr 1970‘

... 24.5., 05.00 Uhr: Haston und Whillans erwachten mit von der trockenen Kälte ausgetrockneten Kehlen. Flüssigkeit und Lutschbonbons sollten den Speichelfluss wieder anregen. Es war geplant, wieder nach oben vorzustoßen und Lager 7 zu errichten. Die Kälte in der Rinne war unvorstellbar. Trotz doppelter Gesichtsmaske fror Haston die Nase an. Whillans musste sich immer wieder seine Stiefel ausziehen und seine klammen Zehen und Füße massieren, damit er seine Blutzirkulation aufrechterhielt. Der Wind wirbelte Schneewehen durch die Rinne, welche die Sichtweite stark reduzierte. Eine Kommunikation war nicht möglich, weil der Sturm jedes Wort sofort in die Unendlichkeit verblies. Je höher man stieg, desto mehr setzte dem Duo die Kälte zu. In der Zwischenzeit waren Hastons Augenlider gefroren. Er konnte sie nicht mehr schließen. Whillans‘ Gesicht war vollkommen mit Eis überzogen. Jeder normale Mensch wäre schon gar nicht in eine solche Situation wie das Duo gekommen, geschweige denn weiter angestiegen. Aber die beiden waren so derart hart zu sich selbst, dass sie ihren körperlichen und psychischen Zustand zur Seite schoben und, nachdem sie endlich aus der Rinne ausgestiegen waren, eine Plattform für Lager 7 suchten. Whillans ging bei der Suche im nun aufsteigenden Nebel voran. Immer wenn er dachte, einen Platz gefunden zu haben, stieß er beim Schaufeln auf Eis. Es war unmöglich, einen Platz zu finden. Langsam wurde die Situation lebensgefährlich. Denn die beiden irrten oberhalb des Kaminausstiegs im ‚Whiteout‘ durch die Gegend. Dazu kam, dass Haston seine linke Hand nicht mehr spürte. Die beiden empfanden die Situation als Niederlage. Um nicht in Lebensgefahr zu kommen, trafen sie trotz ihrer Verwirrtheit und Müdigkeit aber doch die richtige Entscheidung und traten den Rückzug an. Nur mit viel Glück und weil ihnen das Wetter kurzfristig den Blick freigab, fanden sie den Einstieg zum Kamin. Immer noch toste der Sturm, doch war die Rinne immerhin noch sicherer als das ausgesetzte Hochplateau, wo man versucht hatte, einen Lagerplatz zu finden…


Leseprobe 2: 'Ausschnitt aus ‚A Woman's Place is on the Top‘
 

... Blum verbrachte eine weitere sorgenvolle und schlaflose Nacht alleine in Lager 2. Als sie am 19.10. aufwachte und das Funkgerät bediente, bekam sie nach wie vor keine Antwort. Noch einmal bat sie die Sherpas, aber die verwiesen sie nachvollziehbarerweise auf ihre erfrorenen Füße und ihre Erschöpfung. Ein weiterer Tag der schmerzhaften Ungewissheit verging. In der Zwischenzeit befürchteten alle das Schlimmste. Waren die beiden Bergsteigerinnen bereits unterhalb von Lager 5 abgestürzt? Am Nachmittag begann es zu schneien. Alles stellte sich noch viel düsterer dar. Kramar und Komarkova waren für eine mögliche Rettungsaktion in Lager 3 geblieben, während eine vollkommen übermüdete Miller es gerade noch nach Lager 2 schaffte. Am späten Abend gab es dann durch die Sherpas Alarm, weil sie unterhalb von Lager 5 geglaubt hatten, tanzende, absteigende Lichter zu sehen. Am Vormittag des 20.10. waren aber keine Anzeichen von Bewegungen in der Wand zu sehen, und alle gingen von einem Fehlalarm aus. Die Sherpas packten ihre Sachen, um nach Lager 4 zu ziehen. Es war der dritte Tag, nachdem man die beiden Bergsteigerinnen zuletzt lebend gesehen hatte. Einen Tag später wollten sie Lager 5 erreichen. Die Damen durchdachten derweil, wie Szenarien zur Rettung der beiden Bergsteigerinnen aussehen konnten, als alle Überlegungen zur Bergung von Überlebenden im Keim erstickt wurden. Die Sherpas vermeldeten, dass sie Chadwick und Watson jenseits von Lager 4 gefunden hätten. Miller war in eine Gletscherspalte gestürzt und Chadwick hing tot im Seil. An die Frauen kamen sie aufgrund einer breiten Gletscherspalte nicht heran und begannen wieder abzusteigen. Eine Bergung war ihnen nicht möglich gewesen. Chadwick und Watson dürften in der steilen Eiswand unterhalb von ‚Lager 5300 m‘ abgestürzt sein und wurden erst knapp vor Lager 4 vom Gelände gestoppt, als Watson in eine Gletscherspalte gestürzt war. Trotzdem würde ihre Todesursache für immer Spekulation bleiben. Was sich wirklich abgespielt hatte, wusste keiner. Das Team war wie gelähmt. Rückblickend betrachtet war die Entscheidung der Expeditionsleiterin, die beiden Bergsteigerinnen einen Gipfelversuch wagen zu lassen, von moralischen Überlegungen getragen gewesen. Sie wollte Chadwick und Watson ihren Traum nicht versagen. Aus dem Gesichtspunkt der Sicherheit hätte man sie als falsch bezeichnen können, denn man hätte den Bergsteigerinnen den Aufstieg verbieten können, da in den Hochlagern keine Unterstützung für einen Notfall vorhanden war. So oder so hätte eine Unterstützung wahrscheinlich ihren Tod nicht verhindert, aber andererseits wären sie dann nicht aufgestiegen. Am Morgen machten sich Komarkova und Kramar von Lager 3 auf, um einen Versuch zu starten, eventuell die Leichen zu bergen oder zumindest den Unfallhergang zu rekonstruieren. Doch bereits kurz nach Aufbruch nahm Kramar wieder Erfrierungserscheinungen an ihren Fingern wahr. Das Duo trat den Rückweg an. Eigentlich wollte kein einziges Expeditionsmitglied die beiden toten Frauen oben am Berg zurücklassen, doch keiner konnte etwas für sie tun. Außerdem war die Zeit gekommen, den Berg zu räumen. Die Annapurna hatte den Damen den Gipfel gegeben, dafür hatten die Berggötter aber zwei von ihnen für immer bei sich behalten… 


Leseprobe 3: 'Ausschnitt aus ‚Rückmarsch durch die Miristi Kola‘


... 40 Träger waren aus der Umgebung von Lete über den Franzosenpass angekommen. Ohne Gepäck hatten sie dafür 3 bis 4 Tage benötigt. Doch anstelle eines Expeditionsgepäcks hatten sie etwas anderes mitgebracht. Eine Idee. Zumindest viele von ihnen. Denn der Anmarschweg musste nicht unbedingt der Rückmarschweg sein. Die Träger mussten sich nämlich während ihres Anmarsches durch Schneefelder kämpfen, und den Schnee hassten und fürchteten sie wie die Pest. Das war hier schon immer so. Also diskutierten sie ihre Idee des alternativen Rückmarschweges. Jenen durch das Tal der Miristi Kola. Einen Weg, eigentlich sollte man ihn nicht als solchen bezeichnen, den schon die Franzosen 1950 auf der Suche nach der Annapurna als nicht begehbar hielten und deshalb die Route über ihren Franzosenpass auskundschafteten. Die japanische Expedition aus dem Jahr 1973 hatte vor ihrem Rückmarsch einen Voraustrupp in das Tal gesendet, um einen Weg zu erkunden. Doch auch dieser Trupp hielt die Schlucht für unpassierbar. Die Expeditionsleitung hatte eigentlich keine Wahl, als jenem Vorschlag der Träger zu folgen. Denn wie sonst sollte man das Gepäck wieder zurückbringen, wenn nicht mit Hilfe der Träger? Da sie aber unter sich noch uneins waren, ließen sie unter Leitung von Nima Nurbu Lama eine Abstimmung durchführen. Und die lautete: Abstieg durch die Schlucht. Es war der 11.5. Keiner, auch die Träger nicht, wusste, auf was man sich im Rahmen dieser Entscheidung eingelassen hatte. Schrag, Müller-Esterl und der Sherpa Maila Pemba mussten am Gletscher im Basislager zurückgelassen werden, weil der Evakuierungshelikopter noch einige Tage auf sich warten lassen würde. Der Rest setzte sich in Bewegung, vorbei an der letztmöglichen Abzweigung zum Franzosenpass am Lagerplatz unterhalb des Fangs. Der Tross ging in Richtung Miristi Kola-Schlucht. Und das bald im strömenden Regen. Die Vorboten des Monsuns ließen grüßen. Bald wurden die Talwände steiler und rückten näher zusammen. Längst hatte man den Eingang in die Schlucht passiert. Immer wieder musste man ins Flussbett ausweichen, weil es entweder kein Ufer gab oder das Terrain nicht begehbar war. Vor einer senkrechten Wand wurde ein Nachtlager aufgeschlagen. Der Platz dafür musste erst durch mannshohes Gestrüpp gerodet werden. Vor der Nachtruhe versammelten sich alle um einen riesengroßen Suppenkessel, der nicht nur Suppe, sondern auch Wärme spendete. Am nächsten Morgen, dem 12.5., ging es am Ufer der Lagerstelle nicht mehr weiter. Man musste auf die andere Seite der Schlucht wechseln. Dafür baute man eine Behelfsbrücke aus Baumstämmen und Felsen. Doch der angenommene Pfad war dann doch keiner und kurze Zeit später blieb der Trägertross im Bambusdickicht stecken. Man wich über einen Seitenbach aus und erreichte die Schlucht wieder über einen Umweg. Die Träger hatten mit ihren schweren Lasten ihre liebe Not, balancierten aber leichtfüßig über den immer wieder schlüpfrigen Untergrund, in dessen harten Lehm oft mit den Eispickeln Stufen geschlagen werden mussten. Ein senkrechter Abbruch musste mit einem gefällten Baum überquert werden. Auf dessen Ästen stiegen die Träger abwärts, unter ihnen nichts als gähnende Leere. Für Harder war der Durchstieg ein Schreckensszenario. Immerhin trug er die Verantwortung der Expedition und damit auch jene über alle Träger. Nach jeder kleinen Flussbiegung wusste er nicht, ob es überhaupt noch weiterging, hoffte und betete, dass sich die Träger nicht verletzten oder gar zu Tode kamen. Ein Knochen in diesem dschungelartigen und apokalyptischen Gelände war schnell gebrochen, oder ein Sturz in den zum Teil reißenden Fluss konnte zum Ertrinken führen… 

 

"Der große „Zorn“ traf uns nicht erst im Gipfelbereich:
Es war ein starker Sturm, der uns drohte,
vom Gipfelgrat zu fegen." 
Reinhold Messner - ‚Überlebt‘ - Annapurna 1985 



 

Alle Abenteuer der ‚wilden Jahre‘ an der Annapurna kannst Du im Detail in diesem zweiten Band der Annapurna-Trilogie nachlesen. Es war jene Zeit als die Bergwelt noch unbefleckt vom Massenansturm des Himalaya-Tourismus war. Sie war gefährlich und viel zu oft auch tödlich. Gerade an den Flanken der Annapurna.