Warum unterscheidet sich dieses Buch von anderen Büchern über die Everest-Katastrophe 1996?
Das Schreiben dieses Buches war ein spannendes, aber auch anspruchsvolles Vorhaben. Gerade deswegen, weil die Everest-Katastrophe 1996 bereits über Jahre hinweg intensiv aufgearbeitet wurde. Will man sich davon abheben, bedarf es des ein oder anderen neuen Blickwinkels oder einer ungewöhnlichen Erzählweise. Ich hatte, bevor ich dieses Buch schrieb, viel Zeit mit bestehender Literatur aufgewendet. Dabei bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei diesen Büchern um viele persönliche Wahrnehmungsberichte jener Akteure handelte, die die Katastrophe überlebt hatten. Führt man alle diese Erzählungen zusammen, dann erhält man einen sehr konkreten Ablauf der Ereignisse, auch wenn sich immer wieder Widersprüche auftun. Diese Literatur hat mir dabei geholfen, meinem Buch eine völlig neue emotionale Tiefe zu geben. Einen „Zoom-in“-Ansatz anstatt eines generellen Überblicks. Es half mir, parallele Zeitstränge zu diversesten Ereignissen darzustellen und so eine spannende Countdown-Struktur zu etablieren. Dabei habe ich auf reißerische Prosa verzichtet. Immer wieder ist es mir gelungen, zwischen den Aktionen im Basislager, Zwischenlagern und der letzten Gipfeletappe zu wechseln und damit die Zusammenhänge noch enger zu verknüpfen. Der Erzählverlauf lehnt sich dabei nicht an eine lineare Chronologie an, sondern zeichnet sich durch eine narrative und innovative Struktur aus.
Mein Buch ist aber nicht nur die Darstellung einer Katastrophe, sondern auch eine systemische Analyse, die sich mit der Kommerzialisierung des Höhenbergsteigens im Himalaya der 1990er-Jahre beschäftigt. Es zeigt auch Entscheidungsfehler unter extremem Stress, die Rolle von Hierarchie und Autorität auf Expeditionen und die Gruppendynamik unter höchster Anspannung auf. Immer wieder stelle ich moralische und ethische Fragen in den Fokus. Wann wird persönlicher Ehrgeiz zur Verantwortungslosigkeit, wenn es um Vermarktung und Prestige geht? Kann man auf über 8000 m, unter Einfluss von extremer Höhe und Sauerstoffmangel, noch richtige Entscheidungen zugunsten anderer treffen? Und immer wieder stellt sich die Frage nach der Schuld und der Vermeidbarkeit – Individuum oder System? Wobei ich vermieden habe, als Besserwisser oder als Augur zu erscheinen. Außerdem binde ich kontrafaktische Szenarien nach dem Motto „Was wäre gewesen, wenn“ in Themen ein. Das Werk erzählt von Kontroversen der Akteure nach der Expedition, ihren unterschiedlichen Erinnerungen, ihrem Trauma, aber auch über ihre Eigeninteressen, das Geschehene geschickt zu vermarkten. Das Themengebiet „Bergkommerz von heute vs. damals“ gibt dem Leser einen Denkanstoß darüber, ob eine Katastrophe wie 1996 unter Betrachtung der logistischen und technologischen Entwicklung von heute noch passieren könnte.
Wenn Du Dich nicht mit einer einfachen Nacherzählung der Everest-Katastrophe 1996 zufriedengibst, sondern nach einer neuen Perspektive und analytischen Tiefe Ausschau hältst, dann darf ich Dir dieses Buch sehr empfehlen.
im Hintergrund ein Blick aus den Western CWM auf den Südsattel und den 'Genfer Sporn' (rechts).
Urheber: Rupert Pupkin - CC BY-SA 2.0
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Western_Cwm_-_14th_May_2011.jpg